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Geskens Geschichte(n) Grundlagen

Über Ortsnamen in Geskens Geschichte(n)

Guten Tag,

wer meine Geschichten schon etwas kennt, weiß, dass ich gerne Orte erfinde. Ein für mich typisches Beispiel ist Tannhuysen am linken Niederrhein. In diesem erdachten Dorf ist ein großer Teil der Handlung meines Felicitasromans verortet.

Der Grund dafür, einen Ort in meiner Heimat zu erfinden, war, dass ich die in weiten Teilen harte und mysteriöse Geschichte Leuten in Dörfern wie Holthuysen nicht „anhängen“ wollte. Darüber hinaus macht es mir auch besonderen Spaß Orte selbst zu gestalten.

Selbstverständlich muss man sich mit der Region befassen, in der sich die Stadt oder das Dorf befindet. Wenn man den regionalen Sprachgebrauch und typische landschaftliche Gegebenheiten kennt, bekommt man nicht nur Hilfe bei der Entwicklung und Beschreibung der Topographie sondern auch Impulse für die Namensgebung.

Auch dafür ist Tannhuysen ein gutes Beispiel. So gibt es im Kreis Kleve das Dorf Holthuysen.

Ich liebe meine niederrheinische Heimat und die Küstenregionen Deutschlands. Diese Gebiete gehören sprachlich in den großen und vielseitigen niederdeutschen Sprachraum. Obwohl dieser Sprachraum groß und vielseitig ist, gibt es sprachliche Aspekte, die in dem gesamten Einzugsgebiet des Niederdeutschen vorkommen. ein Beispiel dafür ist die Endung um in Ortsnamen. An Niederrhein gibt es z. B. Issum und Wankum. In Norddeutschland gibt es Pilsum oder Inselnamen wie Borkum etc. So habe ich das Dorf Jensum als Geskens Geburtsort für meine kreative Landkarte erfunden.
Auch dafür, dass topographische Gegebenheiten namensgebend sind, gibt es im Norden Deutschlands reale Beispiele. Christianskoog und andere Ortsbezeichnungen weisen auf die Geschichte der Landgewinnung an der Küste hin. Mehr dazu könnt Ihr lesen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Koog.

Auch Siel, wie es in Ortsbezeichnungen wie Karolinensiel vorkommt, hat mit der Geschichte der Landgewinnung zu tun. So könnte es den Ort Herrmannsiel, wo das Hotel Viermaster steht, in dem die Geschcihte spielt, tatsächlich geben. Ich werde Gesken bei ihren Adoptiveltern in Hinrichskoog auf einem Bauernhof aufwachsen lassen.

Alles kann man nicht erfinden. So freue ich mich auf einen Besuch in Husum im Verlauf des nächsten Jahres, wo Gesken arbeitet. Recherche ist ein guter Grund die Küste hin und wieder zu besuchen. 🙂

Liebe Grüße

Paula Grimm

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Geskens Geschichte(n) Pfotenabdrücke

Hunde lieben, weil sie Hunde sind

Guten Tag,

 

es gibt viele Dinge, die mich von den Protagonistinnen in meinen Romanen unterscheiden. Aber es gibt auch viele Dinge, die wir alle gemeinsam haben. Das ist z. B. die Liebe zur Natur vor allem zu Tieren und ganz besonders zu Hunden.

 

So sind auch Gesken und Bylle große Hundefreundinnen. Es ist bei beiden Frauen eine solide Kennerschaft und Liebe.

So heißt es in stille Bylle über Gesken, als sie sich mit Bläss, den Blindenführhund von Sibylle Leuchteblau, nähert: „Dann ging Gesken mit ruhigen Schritten auf Bläss zu. Dabei geschah etwas, was ihre Kollegen schon häufiger erlebt hatten, was sie nicht verstehen konnten, was so unglaublich war, dass sie es bestaunten wie ein Wunder. Sie hatten miterlebt, wie Gesken mit Kindern umging und dabei wie ein Kind gewesen war. Sie hatten miterlebt, wie sie sich mit alten Menschen unterhalten hatte und wie sie dabei genauso alt gewesen zu sein schien wie die alten Leute. Und nun erlebten sie mit, wie sie jetzt auf Bläss zuging, und – obwohl obwohl sie auf ihren beiden Beinen nach Menschenart aufrecht ging und mit ihrer ihrer menschlichen Stimme sprach – war sie doch wie ein Arbeitshund, der sich einen anderen Arbeitshund zuwandte.

 

„Bläss, Bläss, steh auf“, sagte sie ruhig.

Und so langsam wie Bläss aufstand, so langsam bewegte Gesken ihre Hand auch auf sie zu, damit die Hündin sie beschnuppern konnte.“

 

 

Gut gegründet ist die Liebe zu den Vierbeinern durch die frühe Erfahrung mit dem besten Freund des Menschen. So begegnen Gesken und Bylle schon in ihrer frühen Kindheit freundliche Vierbeiner, mit denen sie eine robuste Freundschaft pflegen können. Das zeigt sich bereits im

<a href=“ https://www.amazon.de/Stille-Bylle-Slaap-witte-Wulken-ebook/dp/B07YXPCRHY/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=&#65533;M&#334;&#65533;&#65533;&keywords=Stille+Bylle&qid=1571060722&s=digital-text&sr=1-1″ rel=“nofollow“>ersten Teil des romans Stille Bylle in der Kindleedition</a> und in den Versionen in den anderen Internetshops, wenn die ersten Kontakte zu Hunden beschrieben werden.

 

Für Gesken gilt: „Ein Leben ohne Hund ist ein Hundeleben.“ Und ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich hier schreibe, dass Gesken am ende gleich „vor zwei Hunde“ geht und das als großes Glück erlebt.

 

Eine Anekdote aus Geskens früher Kindheit darf hier nicht fehlen. Im Kindergarten will Gesken nur Hunde zeichnen. Die Erzieherin, die Plattdeutsch in ihrer Gruppe verboten hatte, fragt Gesken:

„Warum zeichnest du nur Hunde?“

„Weil ich Hunde liebe.“

„Warum liebst du Hunde?“

„Ich liebe Hunde, weil sie Hunde sind!“

 

Dieses Gespräch ist wieder einmal ein Zeichen dafür, dass Felicitas, Amanda Bylle und Gesken nicht nur größer sind als meine Wenigkeit sondern mir im vielen Dingen voraus sind. Auf diese einfache und klare Antwort auf diese Frage bin ich seiner Zeit im St. Antoniuskindergarten nicht gekommen.

 

Gesken kommt wie die drei anderen Protagonistinnen aber nicht nur auf den Hund sondern wird immer mehr auch andere Tiere lieben. 😉

 

Liebe Grüße

 

Paula Grimm

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Geskens Geschichte(n) NaNo

01. Wie eine Glückskatze – Vorwort

Diesem Tag habe ich entgegengefiebert. Jetzt geht’s los mit der Rohfassung meines Buches für den NaNoWriMo 2021. ich wünsche Euch gute Unterhaltung, obwohl manches sicherlich noch holprig ist.

Liebe Grüße

Paula Grimm
VORWORT
„Wenn ik groot bün, fang ik Möörder.“ Auch an diesem Morgen fragte sich Emma Paulsen nicht, wie oft ihr dieser Satz schon in den Sinn gekommen war. Das, was Gesken bei der Beerdigung ihrer Mutter Imke Eisenbeiß gesagt hatte, wurde davon, dass sich Emma an diesen Satz unzählige Male erinnert hatte, nicht durch die Zeit oder das Erinnern verbraucht.

„Wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, klang in Emma immer noch ruhig, deutlich und ganz schlicht. Es war von Anfang an kein Versprechen, keine Drohung und kein Wunsch gewesen. Es war eine bloße Feststellung und blieb es auch über die 20 Jahre hinweg, die inzwischen vergangen waren.

Heute war der 07. Juli 1969. Emma war auf dem Weg zu dem kleinen Hafen von Hinrichskog, in dem die Seeadler vor Anker lag. Auf der Seeadler war Emma mit ihren Freundinnen Wencke Holthuus und Rike Schmolcke verabredete. Das Schiff war seit über 30 Jahren das Zuhause von Wencke, die sich selbst versprochen hatte, mindestens bis zu ihrem 90. Geburtstag auf der Seeadler zu bleiben.

Ihre Chancen sich diesen Wunsch zu erfüllen, standen gut. Denn im nächsten Frühjahr, am 06. Mai 1990 würde sie diesen Runden Geburtstag feiern. Und sie erfreute sich guter Gesundheit. Emma dachte oft an Wenckes Wunsch und hoffte, dass ihrer langjährigen Vertrauten vielleicht noch ein paar Jährchen mehr in ihrem Zuhause vergönnt sein würden.

„Wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, war nicht nur für Gesken, die damals, als sie diese Feststellung getroffen hatte, erst ungefähr dreieinhalb Jahre alt gewesen war, ein guter Satz. Auch für Emma, Geskens Tante, die das Mädchen nach der Ermordung der Mutter am 07. Juli 1969 aufgenommen hatte, war dieser Satz schon etwas wie ein Segen geworden. Er veränderte sich nicht nur nicht. Er fügte sich immer, wenn er Emma ins Gedächtnis kam, in die Situation ein, in der sie sich befand. Und das war auch immer in Situationen so, die im Grunde nichts mit diesem Satz zu tun haben konnten. Ob das wohl darauf zurückzuführen war, dass es sich um eine bloße Feststellung handelte?

Als Emma am Morgen des 07. Juli 1989 den Strand von Hinrichskoog entlang ging, hörte sie den Satz, „Wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, der sich geradezu an das Rauschen des Meeres, das Knirschen des Sandes unter Emmas Schritten und die leichte Brise anschmiegte. Und Emma fühlte sich leicht und frei, obwohl sich ihre Freundinnen und sie für den heutigen Tag und die kommende Nacht viel vorgenommen hatten. Und es war klar. Es sollte gerade auch um die Dinge gehen, die in den letzten zwei Jahrzehnten nicht leicht und angenehm gewesen waren. So hatte Emma in ihrem Rucksack nicht nur die Zutaten für Speckpfannekuchen und Friesengeist, sondern auch ihr Tagebuch aus dem Jahr 1969.

Als Emma das Deck er Seeadler betrat, stand die Luke offen und Kaffeeduft kam ihr entgegen. Sie stieg nach unten in das Schiff, wo Wencke und Rike bereits am gedeckten Frühstückstisch saßen und ohne Ungeduld auf sie warteten.

2Moin“, sagte Emma mit ihrer tiefen, leicht rauen Stimme. Sie stellte ihren Rucksack ab und räumte die mitgebrachten Lebensmittel in den Kühlschrank. Die Speckpfannekuchen sollte es zum Mittagessen geben und den Friesengeist wollten die Frauen am Abend zubereiten.

Emma setzte sich auf ihren angestammten Platz an Wenckes Tisch und groß sich Kaffee ein. Wencke stand auf, holte eine Sektflasche, ließ den Koren ordentlich knallen, bevor sie das Getränk ausschenkte.

Die Frauen erhoben die Gläser und sahen sich an.
„Uff wat stoßen wer jetze an?“, fragte Rike.
„Auf den Satz, wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, schlug Wencke vor und lächelte dabei.

Emma fragte sich, ob jemand jemals auf eine bloße Feststellung angestoßen hatte, die bereits vor zwei Jahrzehnten getroffen worden war. Aber irgendwie passte das hier und jetzt. Also nickte sie ihren beiden Freundinnen zustimmend zu.

„Auf, wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, sagte die Hausherrin und die Gläser klirrten.

Nachdem jede von ihnen vom Sekt zumindest einen Schluck getrunken hatte, begann das gemütliche Frühstück, mit starkem Kaffee, dunklem Brot, reichlich Wurst, Käse und Honig von Emmas Bienen.

„Hast Du auch Dein Tagebuch dabei?“, fragte Rike Emma. Die bückte sich und nahm ihre Kladde aus ihrem Rucksack.

Es war klar, dass Emma anfangen musste. Mit dem Tod ihrer Halbschwester hatte alles, worum es heute gehen sollte, begonnen. Heute sollte es den ganzen Tag um Gesken gehen, um ihre Kindheit. Die Frauen wollten wissen, ob sich an Gesken, die schließlich auch Emmas Adoptivtochter geworden war, die afrikanische Weisheit bewahrheitet hatte, die da lautete: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“

In gewisser Weise war die Sache Klar. Denn Gesken hatte vor wenigen Tagen die Zulassung als Anwärterin für die Kriminalpolizei erhalten, nachdem sie eine gewisse Zeit als medizinisch technische Laborassistentin für die Kriminalpolizei gearbeitet hatte. „Wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, war sie also einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

Doch den drei Frauen, die alle ein besonderes Verhältnis und eine besondere Geschichte mit Gesken hatten, waren sich bewusst, wie hart der Weg bis zu diesem wichtigen Schritt gewesen war. Emma, Rike und Wencke standen lange schon mitten im Leben und wussten, dass sich hinter vielen scheinbar offensichtlichen Dingen Abgründe auftaten.

jede der drei Frauen wusste um das Verhältnis und die Geschichte der beiden anderen mit Gesken. Aber heute wollten sie sich der Details annehmen. Sie wollten sich auch einmal einen Tag lang ausschließlich mit Geskens Belangen vor allem mit ihrer Kindheit befassen.

Während des Frühstücks sprachen sie wenig. Sie redeten ein Bisschen über Emmas Enkeltöchter, die vor zwei Wochen geboren worden waren und von Rikes Halbschwester Hedwig, deren Mann vor einem halben Jahr verstorben war, die jetzt im Alter von 76 Jahren wieder aktiv auf Männerjagd ging.

Sie waren ungefähr schon eine Stunde beisammen, als sie zu ende gefrühstückt hatten und die Lebensmittel in den Kühlschrank und das Geschirr in das Spülbecken räumten. Dann goss Wencke noch einmal die großen Kaffeetassen voll und Emma nahm ihr Tagebuch zur Hand.

In den vergangenen Tagen hatte sie es mehrfach aus der Schublade geholt, darin gelesen und einige Überschriften eingefügt, die ihr sinnvoll erschienen waren. Brauchte es die Titel überhaupt? Waren die Titel wirklich nötig? Hätten die vorhandenen Datumsangaben nicht genügt?

Rike und Wencke würden es ihr schon sagen, wenn da zu viel oder zu wenig in ihrer Lesung enthalten sein würde, wenn ihr Vortrag nicht angemessen sein sollte.
Als Emma das Buch aufschlug, beugte sich Rike zu ihr herüber und betrachtete das Geschriebene. Obwohl sie einander seit Juli 1973 kannten, hatte die 86jährige Emmas Handschrift noch nie gesehen.
„Eine kleine ordentliche Handschrift aber ooch wirklich hübsch“, meinte sie und lehnte sich bequem in ihrem Stuhl zurück, um dem Vortrag ihrer Freundin aufmerksam zu lauschen.

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02. Wie eine Glückskatze – Eine schlaflose Nacht I.

WIE EINE GLÜCKSKATZE – Emma Paulsen

EINE SCHLAFLOSE NACHT

Hinrichskoog, Dienstag, 08. Juli 1969

Heute werde ich nicht so einfach zur Ruhe kommen wie sonst. Es ist viel passiert seit der vergangenen Nacht. Also muss ich jetzt erst einmal richtig Ordnung in meinen Gedanken und Gefühlen machen. Das mache ich ja schon lange mit meinen Tagebüchern. Mit zwölf habe ich angefangen, damals in der Waschküche des Hauses, das meinem Stiefvater gehörte. Und in den 20 Jahren, die vergangen sind, habe ich nie ganz damit aufgehört.

Auch um mich her will es heute einfach nicht still werden. Über mir geht meine Mutter in ihrem Zimmer auf und ab. Nein, sie geht nicht. Sie stampft. Sie ist wieder einmal sehr wütend, wütend auf mich. Wie eigentlich immer hat sie behauptet, ich sei an allem Schuld. Schuld an dem, was passiert ist, sind wir wohl alle irgendwie. Wir haben alle nicht genug aufgepasst. Und vielleicht hätten wir auch eingreifen können.

Aber am Besten ist es wohl, wenn ich ordentlich von Anfang an erzähle, was in den letzten nicht einmal 24 Stunden passiert ist.
Es war noch nicht einmal halb zwölf in der vergangenen Nacht, als ich vom Küchentisch aufstand, um Stopfgarn und Stopfei in meine Handarbeitsschublade zu legen. Da schlug plötzlich unsere Bläss in ihrer Hütte an und ein Motorengeräusch war zu hören.

Der Wagen hielt vor unserem Hoftor. Ich hörte Schritte von mindestens zwei Leuten, die über den Hof auf das Haus zu kamen. Es klingelte an der Haustür.

Ich ging, um aufzumachen. Vor unserem Haus standen zwei Polizisten. Der eine war von bulliger Gestalt und mochte wohl so Anfang vierzig sein. Der andere war etwas jünger, kleiner als sein Kollege. Er hatte ein schmales Gesicht mit Adlernase. Sein Kopf sah zu klein aus für seinen massigen Körper. „’nabend, sind Sie Frau Gesken Paulsen?“, fragte der Kleine.
„Jo, ich bin Emma Paulsen“, antwortete ich langsam wie immer, wenn ich hochdeutsch sprechen soll.

„Es tut uns leid. Aber wir haben eine schlechte Nachricht für sie. Dürfen wir ‚rein kommen?“ Auch das sagte der Kleinere.

Ich trat einen Schritt zur Seite, um ihnen den Weg frei zu machen. Dann zeigte ich auf die offene Küchentür und ging vor. „Setzen Sie sich doch. Möchten Sie etwas trinken?“

Die beiden setzten sich lehnten aber ab, etwas zu trinken.
„Frau Paulsen, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Schwester Imke Eisenbeiß tot ist.“ „Tot?“
„Sie ist getötet worden“, meinte der Kleine, der offenbar immer das Sagen hatte, ruhig.
„Sie wurde heute Abend erstochen, wahrscheinlich von ihrem Ehemann. Hat der sich vielleicht bei Ihnen gemeldet? Oder ist er vielleicht sogar hier vorbeigekommen?“

Ich schüttelte den Kopf. Und mir war klar, dass ich dabei ein ungläubiges Gesicht machte.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es irgendetwas gibt, dass Viktor Eisenbeiß dazu bringen könnte, ausgerechnet zu uns auf den Hof zu kommen. mit meiner Mutter haben sich Imke und Viktor in den letzten Jahren immer in Jensum getroffen. Das sagte ich den Polizeibeamten auch und wunderte mich, warum ich überhaupt noch klar denken konnte.

Während ich jetzt so darüber nachdenke, kommt mir der Verdacht, dass es an der ruhigen Atmosphäre in meiner Küche und an dem Schweigen von dem „Bullen“ lag, dass ich gelassen bleiben konnte.

Als dann auch noch ein kurzes Schweigen entstand, weil auch der andere Polizeibeamte nichts mehr sagte, gingen mir merkwürdige Gedanken durch den Kopf. Nein, sie gingen nicht einfach. Sie rasten. Mir fiel zum Beispiel ein, dass Imke bei jeder Gelegenheit darauf bestanden hatte, dass sie und ich nur Halbschwestern sind. Hätte ich bei ihrer Erwähnung durch den Polizisten diesmal diejenige sein müssen, die auf diesen Unterschied Pocht, damit die Fortsetzung einer ihrer Gewohnheiten über ihren Tot hinaus weisen konnte? Denn es ist ja nicht gleichgültig, wie Lebende Tote endgültig gehen lassen.

Wie dem auch sei. Ich sagte nicht, dass wir nur Halbschwestern gewesen waren. Jetzt vermute ich, dass es nicht falsch oder zumindest nicht ganz falsch gewesen war, dass ich die Familienverhältnisse nicht ansprach. Davon wird in der nächsten Zeit unsere Mutter oft genug Gebrauch machen.

Plötzlich war da eine Wiederholschleife in meinem Kopf.
„Erstochen vom eigenen Mann. Erstochen vom eigenen Mann….“
Zuerst verstand ich nicht, warum meine Gedanken immer diesen Satz in einem schnellen Rhythmus wiederholten. Kaum war mir die Wiederholung ganz deutlich bewusst geworden, da fiel mir auf einmal auch ein, was das sollte. Diese Wiederholung wies mich auf etwas Wichtiges hin. Aber auf was?

Und dann fragte ich mitten in die Stille und in die Richtung der Polizisten: „Wat is mit der deern?“

Hatte ich das schweigen zu plötzlich gebrochen. Ich weiß es nicht. Die beiden sahen mich mit verständnislosen Mienen an. Also wiederholte ich meine Frage ganz langsam und auf hochdeutsch. „Was ist denn mit dem kleinen Mädchen?“

Der Redeführer der beiden, der sicherlich immer das Wort führte, weil er an sich besser reden konnte, brauchte seine Zeit, um meine Frage beantworten zu können.
„Wir gehen davon aus, dass das Kind gesehen hat, dass seine Mutter getötet wurde. Dann ist der Vater aus dem Haus und mit seinem Auto abgehauen. Und das Kind ist zu einer Nachbarin gelaufen. Da ist es jetzt noch. Irgendwie hat die Frau es geschafft, dass es eingeschlafen ist. Wahrscheinlich war es auch todmüde von dem, was passiert ist. Jedenfalls ist es noch bei der Frau, ähm, Jensen.“ „Und was wird mit Gesken passieren?“
„Mit Gesken?“, fragte der Polizist verwirrt.
„Das Mädchen heißt Gesken und wird im Dezember erst vier Jahre alt.“ Das erklärte ich ganz langsam und wahrscheinlich übertrieben deutlich. Ich hoffe nicht, dass der Mann sich fühlte wie ein unverständiges Kind, das im übertrieben geduldigem Ton belehrt wird.
„Es wird geprüft werden, ob sie bei irgendwelchen Verwandten untergebracht werden kann oder in ein Heim muss.“

Als er das Heim ansprach, dachte ich nur: „Da sei Gott vor.“ Zu mehr reichte es erst einmal nicht.

Der kleine Polizist fragte dann noch ein paar Sachen, zum Beispiel, wann ich meine Schwester zum letzten Mal gesehen hatte, was ich von dem Eisenbeiß wusste, wann ich ihn das letzte Mal getroffen hatte.

Am Ende bekam ich noch eine Vorladung für heute Nachmittag und den Auftrag mit meinem Mann und meiner Mutter zu sprechen, die ebenfalls eine Aussage würden machen müssen.

Es war kurz nach Mitternacht, als sie aufstanden und gingen. Da saß ich nun in meiner Küche und wartete auf Hein, der zum Skatspielen in den Dorfkrug gegangen war. Mutter war in Husum bei einer alten Freundin und wollte erst heute Vormittag wieder kommen. Ein Telefon haben wir ja noch nicht. Also konnte ich sie nicht gleich verständigen. Wie ich mich kenne, hätte ich sie auch nicht angerufen, wenn die Möglichkeit dazu bestanden hätte. So etwas kann man doch eigentlich nicht am Telefon sagen.

Als ich das Geräusch des Polizeiwagens nicht mehr hören konnte, ging ich, um Wasser für einen frischen Pfefferminztee aufzusetzen.

Nur kurz, als ich Wasser in den Kessel füllte, dachte ich an Imke. wir waren uns nie sehr nah. Sie war ja eine der beiden schönen Zwillingstöchter aus der zweiten, der richtigen Ehe, meiner Mutter. ich sah Imke in dem teuren roten Sommerkleid, in dem ich sie vor zehn Tagen in ihrem Haus in Jensum gesehen hatte. Woher wusste die Polizei, dass die Tote, die an diesem Abend gefunden worden war, Imke war? Wer hatte erkennen müssen, dass sie es gewesen war, die erstochen worden war? War Ilse, ihre Zwillingsschwester diejenige, die sie hatte identifizieren müssen? Es war mir unmöglich mir Imke tot, erstochen, vorzustellen. Was ich mir aber sehr deutlich vorstellen konnte, war das Entsetzen von Ilse, obwohl ich „Mutters kleinen Sonnenschein“ bisher nie mit einem entsetzten Gesicht gesehen hatte.
Schnell schüttelte ich die Gedanken an meine Halbschwestern ab. Denn da gab es etwas Wichtigeres. Das spürte ich genau. Und während das Wasser auf dem Herd heiß wurde, kam mir wieder eine Gedankenschleife in den Sinn. „Oder in ein Heim muss, oder in ein Heim muss.“

Es war eine lange Gedankenschleife, die ich immer noch hörte, als der Wasserkessel pfiff. Ich nahm ihn vom Herd und goss das Wasser in die Kanne. Dann ging ich zum Tisch, auf den ich schon meine große Tasse gestellt hatte.

„Oder ob sie in ein Heim muss“, durfte nicht das letzte Wort sein. Der Gedanke hatte sofort, als er mir gekommen war, damit angefangen, meine Nerven und meine Seele wund zu scheuern.

„Oder ob sie in ein Heim muss.“
„Da sei Gott vor“, dachte ich und fügte hinzu: „Nee, se kummt to uns. Se shall bi uns tohuus wesen.“

„Nanu, wat is denn los? Worüm snackst du denn mit die Selvst?“, fragte Hein mich plötzlich. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören.

Ich zuckte zusammen und brauchte einen langen Augenblick, bis ich wieder ganz bei mir, in der Küche und bei Hein war. Ich sah mich zu ihm um. Er stand noch in der Küchentür. Dann zeigte ich auf seinen Platz. Er kam und setzte sich zu mir.

„Wat is denn nu los?“, fragte er noch einmal.

Ich stand erst einmal auf, nahm das Netz aus der Teekanne, brachte es zur Spüle und holte auch Heins Tasse an den Tisch. Er goss uns Tee ein.

„Imke is doot. Wohrschienlich hett de Viktor se verstocken.“

Die meisten Leute denken, dass der Hein schwer von Begriff ist. Aber das stimmt nicht so ganz. Meistens versteht er schnell, was Sache ist. Was nur länger dauert, ist, dass man auch sehen kann, ob er verstanden hat oder nicht. Was auch länger dauert aber wahrscheinlich Absicht und oft auch gut ist, ist, dass der Hein sich Zeit nimmt, um seine Schlüsse aus dem zu ziehen, was um ihn her passiert ist, und was er verstanden hat.

„Un wat is mit de deern?“, fragte er schließlich. Und ich erzählte ihm, wortwörtlich, was der jüngere Polizist mir gesagt hatte. „Da sei Gott vor“, erwiderte mein Mann. Ich nickte nur.
„Se kummt to uns. Se shall bi uns tohuus wesen.“

Plötzlich sah mich mein lieber Hein erschrocken, dann entsetzt und schließlich verzweifelt an.

Es blieb lange vollkommen still um uns herum. Dann fragte Hein: „Büst du dir seker, dat wi god Öllern für Gesken wesen könnt?“ Ich nickte einfach nur.
Wir sind seit meinem 21. Geburtstag verheiratet, der Hein und ich. Und ich kann es immer wider nur sagen, schreiben und denken. „er ist alles für mich, was ein Mann für eine Frau sein kann. Er ist wie der Vater, den ich nie kennenlernen durfte. Er ist ein treuer Freund und er ist der beste Ehemann der Welt. Und wenn dieser Mann, der 20 Jahre älter ist als ich, Zweifel hat, dann ist das ganz wichtig. Wenn ein solcher Mann Zweifel hat, dann muss man mit ihm reden, dann muss man sich den eigenen Zweifeln stellen, auch wenn man die noch gar nicht kennt.

Wenn ich eine Entscheidung treffe und sich in mir kein ungutes Gefühl meldet, kein mahnender Gedanke kommt, ist das immer ein gutes Zeichen. So war es auch gewesen, als ich vor mich hingesprochen hatte: „Se kummt to uns. Se shall bi uns tohuus wesen.“

Dass in mir kein Widerspruch laut geworden war, war ein gutes Zeichen. Aber mehr war es nicht. ich musste der Spur des guten Zeichens nachgehen. Und mein lieber Hein ließ mir die Zeit dazu.

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03. Wie eine Glückskatze – Fortsetzung von eine schlaflose Nacht

Der Tee in der großen Kanne und ein langsames Gespräch, das ungefähr eine Stunde dauerte, reichten, um uns ganz und gar darauf zu verständigen, dass wir nach Möglichkeit Gesken in unsere Familie aufnehmen wollten. Wir mussten uns eingestehen, dass für Gesken nur das Leben in einem Kinderheim oder das Leben auf unserem Hof in Frage kamen.
Ilse, die ihrer Zwillingsschwester Imke natürlich sehr nahe gestanden hatte, hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie Gesken nicht mochte. Dabei kannte sie das Kind kaum Aber ihr und unserer Mutter reicht es schon, dass Gesken unserer Großmutter ähnlich sieht genau wie ich.

Mutter will Gesken sicherlich nicht im Haus haben. Das wird dem Kind und mir sicherlich schwer zu schaffen machen. Warum habe ich mich auch darauf eingelassen, Mutter aufzunehmen, nachdem sich ihr zweiter Mann, Dr. Florian Beckmann tot gefahren hat? Warum habe ich nachgegeben, als sie jammerte, sie könne nicht allein leben? Warum habe ich nicht darauf bestanden, dass sie nicht hier bei uns bleiben kann, sondern zu einem ihrer drei Lieblingskinder ziehen soll? Aber, wie dem auch sei. Jetzt lebt sie hier bei uns. Und sie wird sich nicht mehr vertreiben lassen.

„Gesken is en schrecklich Verwunnern wederföhren. Dit Verwunnern kennt wi noch nich. Köönt wi ehr wirklich helpen? Wi sünd doch bloot ganz lichte Lüüd.“

Er hatte natürlich recht. Wir sind bloß ganz einfache Leute, Gesken ist ein schreckliches Unheil widerfahren, ein Unheil, das wir noch nicht kennen.

Aber es stimmt auch, dass sich niemand außer uns ihrer annehmen wollen wird.
Darum antwortete ich meinem Hein: „Buten uns schall ji nüms helpen wüllen. Un elk Verwunnern is anners als all ännern un dat is anners as wi dat faken kennt.“

Nachdem ich das gesagt hatte, entstand eine Pause, in der wir uns tief in die Augen blickten. Endlich nickte Hein mir zu.

„Du schasst dat richtig maken“, sagte er, stand auf und legte mir einen Arm um die Schulter. Ich stand auch auf, sah ihm fest in die Augen und meinte:
„Nee, Hein, wi schöölt dat richtig doon.“

Mein Blick hielt seinen noch immer fest. Ich sah wie seine Zweifel ganz langsam von meiner und auch ein Stück weit schon von seiner Überzeugungskraft zersetzt wurden. Es war klar. In der nächsten Zeit würden neue Zweifel an ihre Stelle rücken und wie die Ersten zersetzt werden müssen. Ich werde Geduld brauchen.

Hein sagte nichts mehr. Schließlich wendete er sich von mir ab, ging aus der Küche und zu Bett. Wir hatten wie immer einen langen Tag gehabt.

Ich setzte mich wieder an meinen Platz. Aber allein herumsitzen ist nicht meine Art und ist, außer wenn man krank ist, bei nichts.

Also stand ich nach einigen Minuten auf, holte eine Gästedecke aus dem Schrank im Flur, ging in die gute Stube, zog mich aus und streckte mich gut zugedeckt auf dem Sofa aus.

Mir war klar, dass ich nicht würde schlafen können, obwohl es ein langer Tag gewesen war. Gut zugedeckt zu liegen tat mir aber gut. Einige Arbeiten, gehen und liegen helfen fast immer, wenn etwas in mir arbeitet, wenn ich an mir selbst arbeiten muss. Dabei ist es gleichgültig, ob ich eine schwierige Aufgabe oder einen Kummer habe.

Als ich so dalag, wurden natürlich viele Bilder und Gedanken in Gang gesetzt. Manches kommt nur durch Ruhe in Gang. Und es ist wichtig aber unangenehm, diese Bewegungen zuzulassen.

Plötzlich sah ich dann doch, wie Imke in ihrem Blut in ihrer Küche lag. Es kam mir vor, als ob ich neben Gesken auf ihrem Bett saß und zusah. Viktor war rasend. Mir wurde klar, dass er in Raserei auf Imke eingestochen haben musste. Es war schrecklich anzusehen, was er tat, obwohl es längst vorbei war und nur noch in meiner Vorstellung passierte.

Es war merkwürdig, dass ich wusste, dass es genauso gewesen war, wie ich es jetzt, Stunden später, sah. Etwas in diesem Geschehen, hatte etwas nahezu Selbstverständliches an sich. Ich bin versucht, zu sagen, dass es hatte so kommen müssen. Es geschieht meistens das, was Menschen nicht erwarten. Es geschieht, einfach weil es geschehen kann. Zwischen eigen- und geltungssüchtigen Menschen wie Imke und Viktor kann es auch zu so etwas kommen, weil zwischen ihnen immer Spannung herrscht und Unruhe, die von einer Sekunde zur anderen zur Raserei werden kann.

Menschen wie Viktor und Imke können nicht miteinander und auch nicht ohne einander sein. Sie hatte ihn wohl verlassen wollen.

Was aber war mit Gesken? Das Kind hat lernen müssen, so unauffällig als möglich zu sein, um so wenig als es eben geht, von der Eigensucht ihrer Eltern ergriffen zu werden, um nicht in ihren Machtkampf zu geraten.

Und am vergangenen Abend hatte sie sich ganz still gemacht, erfolgreich tot gestellt. Damit war sie, wie soll ich es nennen, unter dem Radar der Wahrnehmungen ihres Vaters geblieben. In seiner starken Überreiztheit und seinem Aktionsfieber war es ihm unmöglich gewesen, außer sich und der Quelle seines Aktiionszwangs und seiner Überreiztheit überhaupt noch etwas anderes wahrzunehmen. Das hatte Gesken gerettet.

Andere Bilder kamen mir dann schließlich auch noch in den Sinn. Seit Meta, die eine Großtante von Viktor ist, nicht mehr bei Imke und Viktor im Haus lebt und arbeitet, sondern bei ihrer Tochter versorgt wird, fuhr ich alle 14 Tage mit dem Bus nach Jensum und machte im Haus klar Schiff. Nur zweimal hatte ich Gesken gesehen, wie sie aus dem Haus gegangen war. Imke schickte sie häufig weg. So machte es unsere Mutter früher auch mit mir, nachdem sie mit dem Dr. Beckmann verheiratet gewesen war und Kinder von ihm bekommen hatte.

In der vergangenen Nacht sah ich Gesken, wie sie draußen am Haus ihrer Eltern stand und mich unaufdringlich aber genau beobachtete. Dann lief sie plötzlich davon. Sie vermutete wohl, dass ihre Mutter kommen würde, um sie zumindest bis zum Abend vom Hof zu jagen.

Bei meinem letzten Besuch hatte ich Gesken ins Haus gelockt. Sie zögerte mein Angebot, eine heiße Schokolade, anzunehmen.

Als Imke mich und ihr Kind in der Küche sah, wurde sie wütend sagte aber nichts. Ich war eben doch ihre große Schwester.

Als Gesken schließlich ging, weil ihre Tasse leer war und sie den Blick ihrer Mutter nicht mehr aushielt, konnte ich es einfach nicht lassen, ein paar klare Worte an Imke zu richten.

„Du musst Dich ordentlich um Gesken kümmern. Man sieht, dass Du das nicht tust. Sie ist nicht gut genug gekleidet und bekommt wohl auch nicht regelmäßig zu essen.“

Als ich sie beim letzten Besuch so angesprochen hatte, sagte ich es nicht. Aber auf der Rückfahrt überlegte ich mir schon, was ich denn tun könnte, um dem Kind wirklich zu helfen. Und ich war versucht meine eigene Halbschwester anzuzeigen. In der vergangenen Nacht war ich hin- und hergerissen, was mein Zögern betraf. Wenn ich sofort etwas getan hätte, wäre Gesken das, was ihr am vergangenen Abend widerfahren war, vielleicht erspart geblieben. Aber nur, wenn die Behörden schnell genug ihre Arbeit getan hätten. Wäre sie dann in ein Heim gekommen? Oder hätte ich die Möglichkeit gehabt, sie doch zu mir zu nehmen?

Kurz bevor der Hahn krähte, kam ich mit mir überein, dass wenn und aber niemanden, auch mir nicht helfen. Also stand ich auf, wusch mich gründlich, was mich gut erfrischte und begann mit meiner alltäglichen Arbeit.