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09. NaNoWriMo 2021 – Mütter und Töchter

MÜTTER UND TÖCHTER

Ich mistete den Schweine- und den Hühnerstall aus. Dann ging ich ins Haus zurück, um eine Kaffeepause zu machen. Gerade hatte ich den ersten Schwall kochenden Wassers in den Handfilter gegoßen, als ich ein Auto näher kommen hörte. Es hielt vor unserem Hof.

Dann hörte ich Geschrei: „Emma, komm und hilf mir mal gefälligst.“

Ich ging auf den Hof, wo der Taxifahrer den großen Koffer meiner Mutter abgestellt hatte. Ich packte ihn und trug ihn in ihr Zimmer.

Dann ging ich in die Küche und goss weiter den Nachmittagskaffee auf. Von diesem Duft angelockt kam meine Mutter in die Küche.

Erst, als ich mit dem Kaffeekochen fertig war, drehte ich mich zu ihr um. Sie saß auf ihrem Platz und rührte sich nicht.

„Moin, Moder“, sagte ich, nach dem ich das Geschirr und den Kaffee aufgetragen hatte.

„Das heißt, guten Tag, Mutter“, kam die Antwort. Auch sie vermeidet es, plattdeutsch zu reden. Sie möchte gern zur Prominenz gehören. Aber mit der Sprache allein ist es ihr bislang nicht gelungen, in die Prominenz aufgenommen zu werden. Sie ist dem Trio bestenfalls ein Bisschen näher gekommen.

Und wer ist daran schuld? – Ich natürlich. Ich, die Tochter aus der ersten, der falschen, Ehe meiner Mutter bin an allem schuld, was in ihrem Leben seit meiner Geburt falsch läuft. Das ist doch ganz klar und einfach.

Wenn sie es denn so wollte, dann musste die folgende Unterredung eben in hochdeutsch geführt werden. Ich machte ein ernstes Gesicht, als ich den Kaffee ausschenkte.

„Wo ist die Milch?“ Ich stand auf und holte die Milch aus dem Kühlschrank und goss einen großen Schluck davon in ihre Tasse. Sie sah mir mit misstrauischem Blick zu.

„Trinken kannst du aber noch selbst oder?“ sie hielt es für nicht nötig, mir eine Antwort zu geben. Sie trank einen schluck, sah mich dann immer noch mit misstrauischem Ausdruck an und fragte: „Was ist hier los.“

Mit ruhiger Stimme, festem Blick und in aufrechter Haltung erzählte ich meiner Mutter, was seit gestern Abend geschehen war. Meine Mutter ist der Meinung, dass ich nichts zu sagen habe. Und damit das auch stimmt unterbricht sie mich normalerweise ständig. Heute Nachmittag unterbrach sie mich nicht ein einziges Mal. Die Ruhe in meinen Worten, die Aufrichtigkeit und mein fester Wille hielten sie diesmal wohl davon ab.

Als dann alles gesagt war, entstand eine tiefe Stille, die so stark und tief war, dass selbst das schwere Ticken der Küchenuhr sie nicht durchdringen konnte. Ich hielt meinen Blick auf meine Mutter gerichtet. Ihre Haltung und der Blick aus ihrem grauen und ihrem grünen Auge waren zunächst auch vollkommen ruhig. Auf mich wirkte sie als ob das, was ich gesagt hatte und was geschehen war, langsam in alle Bereiche ihres Selbst einsank. Ich erwartete, meine stolze und mir gegenüber immer beherrschte Mutter zum ersten Mal in unserem gemeinsamen Leben tief traurig zu sehen.

Aber natürlich kam es ganz anders. Denn plötzlich schossen ihr Tränen in die Augen. Was folgte war ein kurzer und heftiger Weinkrampf, der sie heftig schüttelte. Aber so plötzlich wie er über sie gekommen war, war er auch wieder vorbei. Sie hatte eben nicht vergessen, wem sie gegenüber saß, und dass sie sich sicher war, dass ich es nicht verdiente, ihre wahren Gefühle zu erleben. Und sie vergaß ihre Grundregel auch nicht, dass ich an all ihren Problemen schuld bin.

Denn schließlich holte sie ihr Spitzentaschentuch heraus, schneutzte sich, wischte sich über die Augen und dann funkelte sie mich wie so oft mit vorwurfsvollem Blick an.

Aber diesmal schaffte ich es, vollkommen ruhig zu bleiben.
„Ich habe sie nicht erstochen.“
„Aber, das kann nicht sein. Der Viktor ist doch so ein netter und erfolgreicher junger Mann.“ „Ja, erfolgreich
war er schon. Und jung ist er noch. Aber nett?“
„Nur, weil er sich mit euch Bauernpack nicht abgeben will, heißt das noch lange nicht, dass er kein netter Kerl ist.“
„Ich brauchte das nie, dass er sich mit mir abgeben will. Aber der war nicht nett. Er war genauso geltungs- und eigensüchtig wie die Imke. Sie konnten nicht miteinander aber wohl auch nicht ohneeinander leben. Und das kann man gut erkennen. Sie haben ihrem Kind keine Beachtung geschenkt. Und sie haben es hungern und verwahrlosen lassen. Vielleicht wäre Gesken nicht mehr am Leben, wenn da nicht Viktors Großtante die Meta gewesen wäre.“

„Und ausgerechnet du glaubst, das wieder gut machen zu können, indem du das Mörderkind aufnimmst?“
„Ich werde nicht alles wider gut machen können. Aber ich werde so gut als möglich für sie sorgen.“
„Ja, eine feine Mutter bist du. Lädst dir ein Mörderkind als Aufgabe auf, eine Aufgabe, an der so was wie du auf jeden Fall scheitern muss. Damit versündigst du dich an deinen eigenen Kindern. Du stellst sie zurück. Du wirst dich ja nicht mehr ordentlich um deine Jungen kümmern können. Und das machst du nur, um noch ein weiteres Kind zu haben. Und das machst du, um mich zu blamieren, dich an mir zu rächen. Du willst bloß zeigen, das du besser bist als ich. Aber, das wird dir nicht gelingen.“

Plötzlich erklang von der Tür her eine tiefe Frauenstimme. Wencke Holthuus unterbrach die Predigt meiner Mutter.

„Red doch nicht immer so einen Blödsinn“, sagte sie schroff und kam an den Küchentisch. Ich holte noch eine große Kaffeetasse und stellte sie vor Wencke hin.

Wencke goss sich Kaffee ein. Dabei ließ sie meine Mutter nicht aus den Augen.
„Im Herzen einer guten Mutter ist immer ganz viel Platz für viele Kinder und ihre Tatkraft reicht für jedes Kind.“

Eine Sache stimmt. ich hätte gern noch weitere Kinder bekommen. Aber alles andere bildete sich meine Mutter nur ein. Nur ganz am Anfang, nachdem ich erfahren hatte, dass Imke erstochen worden war, hatte ich überhaupt an meine Mutter gedacht.

Nein, es stimmt nicht, dass ich mich an ihr dafür rächen will, dass sie mir keine gute Mutter war und ist. Rache an ihr ist eine Rache, die unmöglich ist. Den Stachel mit all seinen Widerhaken, den sie mir gesetzt hat, kann durch keine Rache gezogen und durch nichts befriedet werden. Das weiß ich schon lange.

„Sie kann dieses Mörderkind aber nicht aufnehmen. So was passt nicht in eine normale Familie.“
„Denk daran, Gesken ist nicht nur das Kind eines Mörders. Sie ist auch das Kind einer Ermordeten Frau. Sie ist das Kind deiner geliebten Tochter Imke.“

Nachdem Wencke Holthuus das gesagt hatte, wurde es am und um den Küchentisch herum ganz still. Aber diese Stille breitete sich nicht in der ganzen Küche aus. Sie konzentrierte sich auf und um uns.

Es war Wencke Holthuus, die die Spannung dieser Stille mit einem schnellen und scharfen Blick, den sie meiner Mutter entgegen schleuderte durchbrach.

Längere Zeit wurde nichts gesagt. Ein Kampf mit Blicken war entfacht. Zunächst sah es so aus als ob meine Mutter die stärkere Kämpferin sei. Zorn, Bosheit und Machtgier wechselten sich in schneller Folge im Ausdruck ihres Gesichts ab.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, erinnert mich meine Mutter in dieser Situation an ein bockiges Kleinkind, das wütend gegen eine Tür tritt, die es nicht aufmachen darf und kann. So eine Gelassenheit wie die, die von Wencke Holthuus ausging, habe ich noch nie erlebt.

Schließlich gelang es meiner Mutter, sich von Wencke Holthuus‘ blick loszureißen und sich mir wieder vollends zuzuwenden.

Sie funkelte mich böse an.
„Was bildest du dir eigentlich ein? Du bist eine Versagerin. Und du wirst immer eine Versagerin bleiben. Du sitzt hier auf diesem Bauernhof fest und bildest dir, wer weiß was ein, was du kannst, hast und bist. Was bist du für eine Mutter, dass du deinen Söhnen so ein Mörderkind zumutest?“

„Was bist du für eine Mutter, dass du eines deiner Kinder nur wegen eines Mannes vernachlässigt hast?“, fragte Wencke.

„Du hältst besser ganz dein Maul. Von dir weiß keiner, aus was für einem Stall du gekrochen bist. Und du hast, wenn ich mich recht entsinne nie ein Kind geboren“, schrie meine Mutter mit sich überschlagender Stimme.

Wencke wurde plötzlich ganz ruhig, noch ruhiger als sie zuvor schon gewesen war. Wie oft hatte sie sich solche Dinge an den Kopf werfen lassen müssen?
Sollte es tatsächlich so sein, dass sich auch derart boshafte Vorwürfe im Lauf der Zeit abnutzen? Dann bestand ja wenigstens noch Hoffnung auf Besserung. Dann stimmt es vielleicht doch zumindest manchmal und ein bisschen, dass die Zeit Wunden heilt.

„Mich hatte eine gute Mutter aufgenommen, eine Frau, die alleinstehend schon ein eigenes Kind hatte. Sie hat für uns gut gesorgt. Und jede von uns bekam das von ihr, was sie brauchte. Und mein Jan und ich waren zwei Pflegekindern gute Eltern, obwohl der Jan versehrt war, und ich als Lehrerin Arbeiten musste.“

„Pah, und was ist aus deinen Pflegekindern schon groß geworden? Die eine hast du schon überlebt. Und was ist mit der anderen?“

„Sie wohnt in Dänemark mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Sie ist Bildhauerin von Beruf.“ „Und liegt damit sicherlich ihrem Mann auf der Tasche.“
„Das tut sie nicht. Warum sollte sie auch?“

Meine Mutter musste Munition für das Wortgefecht nachlegen. Also hatte Wencke die Chance zum Angriff überzugehen, und sie nutzte sie schamlos aus.

„Man soll nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt“, begann Wencke und fuhr fort:
„Eine deiner ach so wunderbaren Töchter aus deiner hervorragenden zweiten Ehe wurde gestern Abend erstochen. Beide, Imke und Viktor sind unendlich eigen- und geltungssüchtige Menschen gewesen. Was dachtest du, wie lange das gut gehen kann?“
„Die Imke kanntest du nur kaum und den Viktor wohl gar nicht“, wandte meine Mutter mit nicht mehr ganz so starker Stimme als zuvor ein.
„Ich kenne die Familie Eisenbeiß, zumindest diejenigen, die hier im Norden leben. Und die Imke hat ja genau wie Emma bei meiner älteren Schwester eine Schneiderlehre gemacht, zumindest angefangen. Zu der Zeit bin ich im Haus meiner Schwester ein- und ausgegangen und durfte mir ihre Ausreden, wenn was nicht so ging, wie sie es wollte und mir ihre Großmäuligkeit anhören. Es war klar, dass der Viktor und die Imke nicht miteinander aber auch nicht ohneeinander konnten.“

„Sie waren ein so schönes Paar“, jammerte meine Mutter.
„Wenn ein Teller nur schön ist, nützt das nichts. Es muss auch was Ordentliches drauf sein. Offenbar war nichts Ordentliches drauf, schon gar nicht für Gesken. Und dann ist das gute Stück gestern Abend auch noch zerbrochen worden.“

Wenckes Stimme klang resigniert, als sie das sagte. Dann fuhr sie nachdenklich fort:
„Wahrscheinlich wollte sie ihn verlassen. Und er war der Meinung, dass man einen Viktor Eisenbeiß nicht verlässt. Sie hatte ihm das wohl schon häufiger angedroht. Aber diesmal wurde ihm klar, dass sie es ernst meint. Ob es Bestand gehabt hätte, sei dahin gestellt.“
In der Pause, die Wencke nach diesen Worten machte, wuchs aus der Stille, die durch ihr Schweigen entstand, eine bislang noch unbekannte Schlingpflanze aus Resignation. Die Zweige dieses Gewächses versuchten von Wencke, von der sie kam, auf meine Mutter und mich überzugreifen.

Dass wir von der Stille und diesem Gewächs erdrückt oder erwürgt wurden, ließ Wencke nicht zu. Und sie fing wieder anzusprechen: „An ihr Kind hat sie dabei nicht gedacht. Aber Emma denkt an Gesken.“
Mutter wollte widersprechen aber Wencke machte eine heftige Handbewegung, die sie verstummen ließ.

Wencke nahm Mutter fest in den Blick. „Das einzige, was du noch einwenden kannst, ist, dass es nicht dasselbe ist, ein Kind zu bekommen oder eines, wie man früher sagte, an Kindesstatt anzunehmen. Dazu ist nur zusagen, dass das stimmt, dass es aber auch richtig so ist. Ein Kind, ein verschrecktes und ungewolltes Kind aufzunehmen, ist eine andere Aufgabe als ein leibliches Kind aufzuziehen. Und noch eine andere Aufgabe ist es, eigene Kinder und aufgenommene Kinder gemeinsam zu versorgen. Dazu hat sich deine Tochter Emma entschieden. Und sie wird ihre Sache für die Kinder gut machen. Davon bin ich überzeugt. Davon bin ich überzeugt, weil bei der Emma Kopf, Herz und Hand immer gut zusammenarbeiten. Und da ist auch noch der Hein. Der kann das auch.“

Meine Mutter hat ein Talent Menschen zu ignorieren, das seines Gleichen sucht. Manchmal wünsche ich mir, dieses Talent wenigstens ihr gegenüber zu entwickeln.

Mutter hatte sich immerhin in diesen Streit so weit eingerichtet, dass sie Wencke ignorierte.

Sie war plötzlich ganz bei sich und mir und konzentrierte sich einen Augenblick. Dann fing sie an, hysterisch auf mich einzureden.

„Hast du nur einen Augenblick an deine arme Schwester gedacht, die jetzt tot ist, sich nicht mehr gegen den Blödsinn, den du machst, wehren kann. Sie würde das Kind nach alledem nicht mehr in der Familie haben wollen, dass jeder immer an ihren abscheulichen Tod erinnert wird, weil dieses Kind alles gesehen hat, kaputt ist und verrückt.“

Schließlich musste sie tief Luft holen.
„Imke hat immer nur betont, dass wir bloß Halbschwestern waren. Und sie, meine Halbschwester, ist tot aber Gesken lebt. Sie soll endlich richtig leben können. Ich möchte ihre Mutter sein.“

Du kannst nicht ihre Mutter sein“, schrie meine Mutter mich an.

Plötzlich nahm ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung bei der Küchentür wahr und sprang auf. „Du kannst nicht ihre Mutter sein. Das schaffst du einfach nicht.“

Ich bewegte mich auf die Küchentür zu und fühlte eine feste Umarmung. Dann hörte ich: „Mama Emma.“

Mir traten Tränen in die Augen, und ich erwiderte die Umarmung.