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02. Wie eine Glückskatze – Eine schlaflose Nacht I.

WIE EINE GLÜCKSKATZE – Emma Paulsen

EINE SCHLAFLOSE NACHT

Hinrichskoog, Dienstag, 08. Juli 1969

Heute werde ich nicht so einfach zur Ruhe kommen wie sonst. Es ist viel passiert seit der vergangenen Nacht. Also muss ich jetzt erst einmal richtig Ordnung in meinen Gedanken und Gefühlen machen. Das mache ich ja schon lange mit meinen Tagebüchern. Mit zwölf habe ich angefangen, damals in der Waschküche des Hauses, das meinem Stiefvater gehörte. Und in den 20 Jahren, die vergangen sind, habe ich nie ganz damit aufgehört.

Auch um mich her will es heute einfach nicht still werden. Über mir geht meine Mutter in ihrem Zimmer auf und ab. Nein, sie geht nicht. Sie stampft. Sie ist wieder einmal sehr wütend, wütend auf mich. Wie eigentlich immer hat sie behauptet, ich sei an allem Schuld. Schuld an dem, was passiert ist, sind wir wohl alle irgendwie. Wir haben alle nicht genug aufgepasst. Und vielleicht hätten wir auch eingreifen können.

Aber am Besten ist es wohl, wenn ich ordentlich von Anfang an erzähle, was in den letzten nicht einmal 24 Stunden passiert ist.
Es war noch nicht einmal halb zwölf in der vergangenen Nacht, als ich vom Küchentisch aufstand, um Stopfgarn und Stopfei in meine Handarbeitsschublade zu legen. Da schlug plötzlich unsere Bläss in ihrer Hütte an und ein Motorengeräusch war zu hören.

Der Wagen hielt vor unserem Hoftor. Ich hörte Schritte von mindestens zwei Leuten, die über den Hof auf das Haus zu kamen. Es klingelte an der Haustür.

Ich ging, um aufzumachen. Vor unserem Haus standen zwei Polizisten. Der eine war von bulliger Gestalt und mochte wohl so Anfang vierzig sein. Der andere war etwas jünger, kleiner als sein Kollege. Er hatte ein schmales Gesicht mit Adlernase. Sein Kopf sah zu klein aus für seinen massigen Körper. „’nabend, sind Sie Frau Gesken Paulsen?“, fragte der Kleine.
„Jo, ich bin Emma Paulsen“, antwortete ich langsam wie immer, wenn ich hochdeutsch sprechen soll.

„Es tut uns leid. Aber wir haben eine schlechte Nachricht für sie. Dürfen wir ‚rein kommen?“ Auch das sagte der Kleinere.

Ich trat einen Schritt zur Seite, um ihnen den Weg frei zu machen. Dann zeigte ich auf die offene Küchentür und ging vor. „Setzen Sie sich doch. Möchten Sie etwas trinken?“

Die beiden setzten sich lehnten aber ab, etwas zu trinken.
„Frau Paulsen, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Schwester Imke Eisenbeiß tot ist.“ „Tot?“
„Sie ist getötet worden“, meinte der Kleine, der offenbar immer das Sagen hatte, ruhig.
„Sie wurde heute Abend erstochen, wahrscheinlich von ihrem Ehemann. Hat der sich vielleicht bei Ihnen gemeldet? Oder ist er vielleicht sogar hier vorbeigekommen?“

Ich schüttelte den Kopf. Und mir war klar, dass ich dabei ein ungläubiges Gesicht machte.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es irgendetwas gibt, dass Viktor Eisenbeiß dazu bringen könnte, ausgerechnet zu uns auf den Hof zu kommen. mit meiner Mutter haben sich Imke und Viktor in den letzten Jahren immer in Jensum getroffen. Das sagte ich den Polizeibeamten auch und wunderte mich, warum ich überhaupt noch klar denken konnte.

Während ich jetzt so darüber nachdenke, kommt mir der Verdacht, dass es an der ruhigen Atmosphäre in meiner Küche und an dem Schweigen von dem „Bullen“ lag, dass ich gelassen bleiben konnte.

Als dann auch noch ein kurzes Schweigen entstand, weil auch der andere Polizeibeamte nichts mehr sagte, gingen mir merkwürdige Gedanken durch den Kopf. Nein, sie gingen nicht einfach. Sie rasten. Mir fiel zum Beispiel ein, dass Imke bei jeder Gelegenheit darauf bestanden hatte, dass sie und ich nur Halbschwestern sind. Hätte ich bei ihrer Erwähnung durch den Polizisten diesmal diejenige sein müssen, die auf diesen Unterschied Pocht, damit die Fortsetzung einer ihrer Gewohnheiten über ihren Tot hinaus weisen konnte? Denn es ist ja nicht gleichgültig, wie Lebende Tote endgültig gehen lassen.

Wie dem auch sei. Ich sagte nicht, dass wir nur Halbschwestern gewesen waren. Jetzt vermute ich, dass es nicht falsch oder zumindest nicht ganz falsch gewesen war, dass ich die Familienverhältnisse nicht ansprach. Davon wird in der nächsten Zeit unsere Mutter oft genug Gebrauch machen.

Plötzlich war da eine Wiederholschleife in meinem Kopf.
„Erstochen vom eigenen Mann. Erstochen vom eigenen Mann….“
Zuerst verstand ich nicht, warum meine Gedanken immer diesen Satz in einem schnellen Rhythmus wiederholten. Kaum war mir die Wiederholung ganz deutlich bewusst geworden, da fiel mir auf einmal auch ein, was das sollte. Diese Wiederholung wies mich auf etwas Wichtiges hin. Aber auf was?

Und dann fragte ich mitten in die Stille und in die Richtung der Polizisten: „Wat is mit der deern?“

Hatte ich das schweigen zu plötzlich gebrochen. Ich weiß es nicht. Die beiden sahen mich mit verständnislosen Mienen an. Also wiederholte ich meine Frage ganz langsam und auf hochdeutsch. „Was ist denn mit dem kleinen Mädchen?“

Der Redeführer der beiden, der sicherlich immer das Wort führte, weil er an sich besser reden konnte, brauchte seine Zeit, um meine Frage beantworten zu können.
„Wir gehen davon aus, dass das Kind gesehen hat, dass seine Mutter getötet wurde. Dann ist der Vater aus dem Haus und mit seinem Auto abgehauen. Und das Kind ist zu einer Nachbarin gelaufen. Da ist es jetzt noch. Irgendwie hat die Frau es geschafft, dass es eingeschlafen ist. Wahrscheinlich war es auch todmüde von dem, was passiert ist. Jedenfalls ist es noch bei der Frau, ähm, Jensen.“ „Und was wird mit Gesken passieren?“
„Mit Gesken?“, fragte der Polizist verwirrt.
„Das Mädchen heißt Gesken und wird im Dezember erst vier Jahre alt.“ Das erklärte ich ganz langsam und wahrscheinlich übertrieben deutlich. Ich hoffe nicht, dass der Mann sich fühlte wie ein unverständiges Kind, das im übertrieben geduldigem Ton belehrt wird.
„Es wird geprüft werden, ob sie bei irgendwelchen Verwandten untergebracht werden kann oder in ein Heim muss.“

Als er das Heim ansprach, dachte ich nur: „Da sei Gott vor.“ Zu mehr reichte es erst einmal nicht.

Der kleine Polizist fragte dann noch ein paar Sachen, zum Beispiel, wann ich meine Schwester zum letzten Mal gesehen hatte, was ich von dem Eisenbeiß wusste, wann ich ihn das letzte Mal getroffen hatte.

Am Ende bekam ich noch eine Vorladung für heute Nachmittag und den Auftrag mit meinem Mann und meiner Mutter zu sprechen, die ebenfalls eine Aussage würden machen müssen.

Es war kurz nach Mitternacht, als sie aufstanden und gingen. Da saß ich nun in meiner Küche und wartete auf Hein, der zum Skatspielen in den Dorfkrug gegangen war. Mutter war in Husum bei einer alten Freundin und wollte erst heute Vormittag wieder kommen. Ein Telefon haben wir ja noch nicht. Also konnte ich sie nicht gleich verständigen. Wie ich mich kenne, hätte ich sie auch nicht angerufen, wenn die Möglichkeit dazu bestanden hätte. So etwas kann man doch eigentlich nicht am Telefon sagen.

Als ich das Geräusch des Polizeiwagens nicht mehr hören konnte, ging ich, um Wasser für einen frischen Pfefferminztee aufzusetzen.

Nur kurz, als ich Wasser in den Kessel füllte, dachte ich an Imke. wir waren uns nie sehr nah. Sie war ja eine der beiden schönen Zwillingstöchter aus der zweiten, der richtigen Ehe, meiner Mutter. ich sah Imke in dem teuren roten Sommerkleid, in dem ich sie vor zehn Tagen in ihrem Haus in Jensum gesehen hatte. Woher wusste die Polizei, dass die Tote, die an diesem Abend gefunden worden war, Imke war? Wer hatte erkennen müssen, dass sie es gewesen war, die erstochen worden war? War Ilse, ihre Zwillingsschwester diejenige, die sie hatte identifizieren müssen? Es war mir unmöglich mir Imke tot, erstochen, vorzustellen. Was ich mir aber sehr deutlich vorstellen konnte, war das Entsetzen von Ilse, obwohl ich „Mutters kleinen Sonnenschein“ bisher nie mit einem entsetzten Gesicht gesehen hatte.
Schnell schüttelte ich die Gedanken an meine Halbschwestern ab. Denn da gab es etwas Wichtigeres. Das spürte ich genau. Und während das Wasser auf dem Herd heiß wurde, kam mir wieder eine Gedankenschleife in den Sinn. „Oder in ein Heim muss, oder in ein Heim muss.“

Es war eine lange Gedankenschleife, die ich immer noch hörte, als der Wasserkessel pfiff. Ich nahm ihn vom Herd und goss das Wasser in die Kanne. Dann ging ich zum Tisch, auf den ich schon meine große Tasse gestellt hatte.

„Oder ob sie in ein Heim muss“, durfte nicht das letzte Wort sein. Der Gedanke hatte sofort, als er mir gekommen war, damit angefangen, meine Nerven und meine Seele wund zu scheuern.

„Oder ob sie in ein Heim muss.“
„Da sei Gott vor“, dachte ich und fügte hinzu: „Nee, se kummt to uns. Se shall bi uns tohuus wesen.“

„Nanu, wat is denn los? Worüm snackst du denn mit die Selvst?“, fragte Hein mich plötzlich. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören.

Ich zuckte zusammen und brauchte einen langen Augenblick, bis ich wieder ganz bei mir, in der Küche und bei Hein war. Ich sah mich zu ihm um. Er stand noch in der Küchentür. Dann zeigte ich auf seinen Platz. Er kam und setzte sich zu mir.

„Wat is denn nu los?“, fragte er noch einmal.

Ich stand erst einmal auf, nahm das Netz aus der Teekanne, brachte es zur Spüle und holte auch Heins Tasse an den Tisch. Er goss uns Tee ein.

„Imke is doot. Wohrschienlich hett de Viktor se verstocken.“

Die meisten Leute denken, dass der Hein schwer von Begriff ist. Aber das stimmt nicht so ganz. Meistens versteht er schnell, was Sache ist. Was nur länger dauert, ist, dass man auch sehen kann, ob er verstanden hat oder nicht. Was auch länger dauert aber wahrscheinlich Absicht und oft auch gut ist, ist, dass der Hein sich Zeit nimmt, um seine Schlüsse aus dem zu ziehen, was um ihn her passiert ist, und was er verstanden hat.

„Un wat is mit de deern?“, fragte er schließlich. Und ich erzählte ihm, wortwörtlich, was der jüngere Polizist mir gesagt hatte. „Da sei Gott vor“, erwiderte mein Mann. Ich nickte nur.
„Se kummt to uns. Se shall bi uns tohuus wesen.“

Plötzlich sah mich mein lieber Hein erschrocken, dann entsetzt und schließlich verzweifelt an.

Es blieb lange vollkommen still um uns herum. Dann fragte Hein: „Büst du dir seker, dat wi god Öllern für Gesken wesen könnt?“ Ich nickte einfach nur.
Wir sind seit meinem 21. Geburtstag verheiratet, der Hein und ich. Und ich kann es immer wider nur sagen, schreiben und denken. „er ist alles für mich, was ein Mann für eine Frau sein kann. Er ist wie der Vater, den ich nie kennenlernen durfte. Er ist ein treuer Freund und er ist der beste Ehemann der Welt. Und wenn dieser Mann, der 20 Jahre älter ist als ich, Zweifel hat, dann ist das ganz wichtig. Wenn ein solcher Mann Zweifel hat, dann muss man mit ihm reden, dann muss man sich den eigenen Zweifeln stellen, auch wenn man die noch gar nicht kennt.

Wenn ich eine Entscheidung treffe und sich in mir kein ungutes Gefühl meldet, kein mahnender Gedanke kommt, ist das immer ein gutes Zeichen. So war es auch gewesen, als ich vor mich hingesprochen hatte: „Se kummt to uns. Se shall bi uns tohuus wesen.“

Dass in mir kein Widerspruch laut geworden war, war ein gutes Zeichen. Aber mehr war es nicht. ich musste der Spur des guten Zeichens nachgehen. Und mein lieber Hein ließ mir die Zeit dazu.