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07. NaNoWriMo 2021 – Wie eine Glückskatze – Eine Handvoll Vertrauen?

EINE HANDVOLL VERTRAUEN?

Frau Jensen gesellte sich zu mir. Wir standen beieinander vor ihrem Haus und blickten uns auf dem Hof um.

Beim Schuppen spaltete Herr Jensen Holz. Ab und zu hielt er inne, um in Richtung Hundezwinger zu sehen.

Im Hundezimmer saßen Gesken und Selma nebeneinander. Gesken hatte ihren Kopf an den Kopf der Hündin geschmiegt, das Gesicht im Fell des Tieres vergraben.

Sie bewegten sich kaum. Kein Laut war von ihnen zu hören. Aber mir kam es so vor als ob sie in ein Gespräch vertieft seien, eine Unterhaltung ganz eigener Art.

Wer möchte so eine vertrauliche Szene stören? Aber, wenn ich es nicht tat, würden es sich Frau Söderhoff oder die alte Eisenbeiß sich nicht nehmen lassen, das ohne Rücksicht auf Verluste zu tun.

Das konnte ich nicht zu lassen. Es war also an der Zeit, mir so behutsam als möglich das Geskens Vertrauen zu erwerben, wenn es überhaupt möglich sein sollte, ihr Vertrauen zu wecken.

Ich ging an den Zwinger heran und sagte mehrfach: „Gesken, Gesken, Gesken.“

Schließlich hob Gesken den Kopf und sah mich aufmerksam mit ihren dunkelblauen Augen an.

„Gesken, wi mööt nu gahn“, sagte ich ruhig. Gesken schluckte hart und sah mich mit einem panischen Ausdruck an.

„WI gaht na huus. Wie gaht aver nich in dien Öllernhuus. Wi gaht bi uns na Huus. Dor töölt ok en leev Hund op di, de Bläss.“

Es war mir wohl gelungen ruhig aber ohne Pause mit ihr zu sprechen. So konnte sie sich an meine Stimme richtig gewöhnen. Und der Kontakt brach nicht ab. Also stand sie schließlich auf, streichelte Bläss zum Abschied über den Kopf und kam aus dem Zwinger auf mich zu. sie stellte sich neben mich und nahm meine Hand und hielt sie so fest, wie sie konnte.

„Kann ik noch wat för jo doon?“, fragte Frau jensen. Ich schüttelte den Kopf und ging mit Gesken an der Hand auf das Hoftor zu, das ich mit der freien Hand öffnete. Dann sah ich mich noch einmal zu Frau und Herrn Jensen um und rief: „Hartlich Dank för allens.“

Als ich das Hoftor hinter mir geschlossen hatte und wir auf der Straße standen, nahm Gesken meine Hand noch fester in ihre und wandte sich dem Dorf zu.

„nee, du musst keen Angst hebben. Dor gaht wi nich hen.“

Wir gingen Hand in Hand die Landstraße Richtung Dorfkern. Gesken ging mit. Sie konnte schon recht gut mit mir mithalten, weil sie für ihr Alter sehr groß geraten ist. Ich nehme auch an, dass sie schon viel gelaufen und sogar gerannt ist, zum Beispiel, wenn Imke sie aus dem Haus gescheucht hat. Es könnte sogar sein, dass sie Essen stibitzt hat.

Als mir das auf unserem Weg ins Dorf einfiel, dachte ich: „Gesken, schall nie weer ahn Noot Hunger leiden mööt.“

Der Dorfplatz von Jensum, auf dem wir einige Minuten auf den Bus nach Hinrichskoog warten mussten, war wie leergefegt. Ich sah zum Gemischtwarenladen herüber. Die Frau, bei der ich die Pralinen für Frau Jensen gekauft hatte, war auch nicht zu sehen. Gott sei Dank waren wir allein.

Als wir in den Bus stiegen saß außer dem Busfahrer nur ein Fahrgast ganz hinten im Bus, der in seine Zeitungslektüre vertieft war.

Während der gesamten Fahrt saß Gesken neben mir und hielt immer noch meine Hand.

Mit der freien Hand zeigte ich ihr, was an uns vorbeizog und was ich für interessant hielt. Mir war aufgefallen, dass Geskens Gesicht allmählich immer aufmerksamer geworden war. In ihrem Gesichtsausdruck spiegelte sich aber auch Vorsicht und Scheu. Sie hatte wohl noch nicht viel gesehen von der Welt, von unserer rauen aber zauberhaften Heimat.

Während ich mit der freien Hand hin und wieder auf Geländepunkte zeigte, sprach ich leise mit Gesken.

„Kiek, dar is de Dieck. Kiek, dar is en grote Schaapherd.“

Endlich konnten wir in Hinrichskoog aussteigen und hatten noch ein gutes Stück Weg bis nach Hause zu gehen. Und immer noch hielt Gesken meine Hand.