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06. NaNoWriMo 2021 – Wie eine Glückskatze Fortsetzung von Der Vormittag bei den Jensens

„Wir sollten erst einmal in aller Ruhe miteinander reden“, sagte ich und sah die alte Frau Jensen fragend an.

„Gesken, du magst doch geern en beten mit de Selma spelen?“, fragte die alte Frau.

Sie stand auf, ging zum Kühlschrank und holte einen großen Knochen heraus. Dann ging sie zur Haustür. Dabei sah sie sich zu Gesken um.

Ich stand auf. Für mich sah es so aus als ob die Art der Bewegung und der Blick der alten Frau, Gesken mit sich zog. Gesken stand tatsächlich auf. Dann huschte sie zur Haustür, wo ihr die alte Frau den Knochen für den Hund gab. Das Mädchen ging aus dem Haus und sah sich dabei unsicher um.

Frau Jensen blieb in der Haustür stehen und beobachtete, was Kind und Hund auf dem Hof taten. Sie sah zu, wie Gesken der Selma den Knochen gab und sich dann beide in die Hundehütte zurückzogen.

Offenbar fand Frau Jensen, dass jetzt die Luft rein war. Sie schloss die Haustür wieder und kam zu uns an den Tisch.

„Was wird jetzt mit Gesken geschehen?“, fragte ich an Frau Söderhoff gewendet.
„Jetzt wird erst einmal sorgfältig geprüft, ob sich jemand aus der Verwandtschaft bereit erklärt, das Kind aufzunehmen und ob derjenige oder diejenigen das Mädchen aufnehmen können. Es wird selbstverständlich auch geprüft, ob sie überhaupt familienfähig ist oder einen psychischen Schaden davon getragen hat, so dass sie in eine Anstalt muss.“

Ich wandte mich an Frau Eisenbeiß senior.
„Was machen Sie hier? Wollen sie Gesken vielleicht bei sich aufnehmen?“

Offensichtlich hatte ich sie während ich die Fragen gestellt hatte, zu scharf angesehen. Denn sie versuchte meinem Blick auszuweichen. Das ließ ich nicht zu.

Schließlich antwortete sie:
„Ich wollte mir das Mädchen erst einmal ansehen. Sie gehört schließlich auch zu unserer Familie.“
„Und sie kennen ihre Enkelin noch nicht?“, fragte ich mit fester Stimme und ließ sie nicht aus den Augen.

Durch unseren engen und langen Blickkontakt hatte sie wohl schon gespürt, dass ich meine Entscheidung bereits getroffen hat. Und sie war nicht gewillt kampflos aufzugeben. Das wollte sie aus Prinzip nicht. So eine Familie Eisenbeiß spielte ihrer Meinung nach in einer ganz anderen Liga als so eine Hinterweltlermischpoke wie wir Paulsens.

Ich hielt inne und überlegte, was jetzt zu tun war. Aufgeben war keine Option. Und ich spürte, dass Frau Eisenbeiß senior nur aus Prinzip mit mir kämpfte. Von Gesken hatte sie wohl genug gesehen, um zu der Meinung zu gelangen, dass sie ihr nicht wichtig war.

Ich überlegte vielleicht einen Augenblick zu lange, ob ich sie noch weiter reizen sollte, damit sie vor der Frau Söderhoff und der alten Frau Jensen zeigen würde, wes Geistes Kind sie in dieser Sache war.

So ergriff Frau Eisenbeiß senior das Wort und sagte spöttisch:
„Euch Hexen vom Land fällt für so ein Kind nichts besseres ein, als es vor die Hunde gehen zu lassen.“

Ich musste unwillkürlich grinsen.
„Für manche und manchmal ist es wohl besser vor die Hunde zu gehen als unter Menschen zu sein“, erwiderte ich mit ironischem Unterton in der Stimme und fügte ernsthafter aber auch böser hinzu: „Das hat sich gestern Abend ja wieder einmal deutlich gezeigt.“

Plötzlich wurde die Frau Eisenbeiß leichenblass. Dann lief ihr Kopf ebenso schnell, wie er erbleicht war, puterrot an. Ich war erstaunt darüber, dass eine heftige Bewegung meiner Hand genügte, sie abzuhalten von dem, was sie immer auch vorgehabt haben mochte.

Mich selbst beruhigte meine Handbewegung auch, und ich sagte gelassen und in versöhnlichem Ton:
„Die Selma ist Gesken schon vertraut. Und das ist das Beste, was ihr jetzt passieren kann.“

Dann wandte ich mich an Frau Söderhoff.
„Was muss ich tun, dass ich Gesken wenigstens für die nächste Zeit aufnehmen kann.“

Die junge Frau sah mich überrascht an. Also fuhr ich fort:
„Dafür müssen bestimmt einige Formulare ausgefüllt werden. Haben Sie die dabei?“ Ich zeigte auf die Aktentasche, die neben der jungen Frau auf dem Boden stand.

Endlich bückte sich die junge Beamtin nach ihrer Tasche, stellte sie auf den Tisch, kramte in den Papieren und legte mir schließlich einen Stapel Papier vor die Nase.

„Das ist wirklich nur für vorläufig“, sagte sie mit mahnendem Unterton in der Stimme.
„Und natürlich muss ihr Man auch noch unterschreiben und sich einverstanden erklären. Sie haben doch einen Mann oder nicht?“ „Doch ich habe einen Mann“, erwiderte ich.

„Und dass sie es gleich wissen. Ich muss zu Ihnen kommen und mich davon überzeugen, dass das Mädchen bei Ihnen gut aufgehoben ist. Die Polizei und vielleicht auch ein Psychologe werden auch auf Ihren Hof kommen. Damit alles seine Ordnung hat.“

„Wenn dat bloot dat is“, dachte ich bei mir, aber auch ein Bisschen um mir selbst Mut zuzusprechen.

Nach einer Pause fuhr Frau Söderhoff mit mahnender Stimme fort:
Entschieden werden Vormundschaften vorläufig und vor allem endgültig vor Gericht.“
Ich war mir sicher, dass sie mir wirklich Angst einjagen wollte. Aber so schnell lasse ich mich nicht ins Boxhorn jagen. In meiner Familie bin ich diejenige, die offiziellen Kram und Behördengänge erledigt. Ich bin daran gewöhnt, respektvoll und so sachlich als eben möglich mit Leuten umzugehen.

Frau Söderhoff staunte nicht schlecht, als ich mir die Papiere ruhig und sorgfältig ansah. Es ist kaum zu glauben, aber ihre Augen wurden immer größer, als ich in meine Jacke griff, einen Kugelschreiber herausnahm und offenbar an den richtigen Stellen unterschrieb. jetzt weiß ich gar nicht mehr, wie oft ich eine Unterschrift leisten musste. Denn ich musste mich schon sehr gut konzentrieren.

Als ich die Papiere durchgearbeitet hatte, sah ich erst die Frau Söderhoff und dann die alte Eisenbeiß an. Beide sahen so aus als ob ihnen gleich die Augen aus dem Kopf fallen würden. Hatten die noch nie eine Frau gesehen, die konzentriert und selbstständig offizielle Dokumente bearbeitet.

Es war höchste Zeit bei diesen beiden eine ganz deutliche „Duftmarke“ zu setzen. So meinte ich so beiläufig als möglich:
„Es ist schon erstaunlich. Auch den Umgang mit Behörden kann man lernen. in unserer Familie erledige ich die Schreibarbeiten.“

Die Frau Söderhoff und Frau Eisenbeiß senior reagierten nicht. Also stand ich auf, gab der jungen Beamtin die Papiere zurück, nahm meine Tasche und ging zur Küchentür.

„Wenn ich es richtig gelesen habe, kann ich jetzt Gesken mitnehmen, auch wenn sie erst mal nur vorläufig bei mir bleiben kann“, sagte ich, als ich mich in der Tür stehend noch einmal umgedreht hatte.

Weil kein Widerspruch von Frau Söderhoff kam, ging ich zur Haustür hinaus auf den Hof.

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Von Paula Grimm

Als Autorin und Bloggerin heiße ich Paula Grimm. Mein offizieller Name tut hier nichts zur Sache. Ich bin Baujahr 1965 und wohne im Kreis Kleve am linken Niederrhein. Der Spitzname für dieses Blogprojekt lautet Rike1903 und ist der mütterlichen Freundin von Gesken Paulsen, Rike Schmolke, gewidmet.

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