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05. NaNoWriMo 2021 – Wie eine Glückskatze – Der Vormittag bei den Jensens I.

DER VORMITTAG BEI DEN JENSENS

Ich war heilfroh, aussteigen zu dürfen und von der Prominenz und der Neugier der anderen Fahrgäste wegzukommen. Draußen hielt ich inne, wartete bis der Bus nicht mehr zu sehen und zu hören war, blickte mich auf dem Platz um und ging auf den Gemischtwarenladen zu, der sich gegenüber von der Bushaltestelle befindet.

Das Geschäft war schon geöffnet. Hinter der Verkaufstheke stand eine Frau mittleren Alters, die der Frau Dr. ähnlich sah, mit ihren grauen Augen und dem Aschblonden Haar.

Moin“, sagte ich.
„Guten Tag, gnädige Frau“, erwiderte die Frau übertrieben fröhlich.

Sie musterte mich skeptisch von Kopf bis Fuß. Schließlich huschte ein Ausdruck des Wiedererkennens über ihr Mondgesicht.

„Sie waren doch schon mal hier und haben für die Ähm, die arme ermordete Frau Eisenbeiß eingekauft. Sind Sie nicht Ihre Schwester?“ Ich nickte.

Sie holte tief Luft.
„Das ist wirklich eine schlimme Sache und dann auch noch in der eigenen Familie. Ganz schrecklich. Da wissen Sie sicher gar nicht mehr ein noch aus.“ Und so ging es in einem schleimigen Mitleidston weiter. Sie schien sich in eine Mitleidsblase zu reden, um die Schleim bis zu mir herüber spritzte, Schleim auf dem ich ausrutschen sollte. Aber ich rutschte nicht aus und fiel auf sie herein.

Schließlich musste sie Luft holen. Und ich war Gott sei Dank geistesgegenwärtig genug, zeigte auf eine große Pralinenschachtel und sagte:
„Ich habe noch sehr viel zu erledigen. Wenn Sie bitte so freundlich wären, mir die Pralinen zu verkaufen, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden.“

Es dauerte seine Zeit, bis die Frau sich endlich in Bewegung setzte, um die Pralinen aus dem Regal zu nehmen. Die Frau hatte insgesamt etwas Behäbiges an sich von ihrem Mund und dem Teil ihres Verstandes, der für ihre Neugier zuständig war, abgesehen.

Sie warf die Pralinenschachtel auf den Verkaufstresen und sagte schroff: „Das macht dann acht Mark.“

Als ihre Neugier wieder die Oberhand gewann, fragte sie übertrieben freundlich: „Für wen sind die denn?“ „Für die Frau Jensen.“
„Die alte oder die junge?“
„Die alte.“

Mit einer nachdrücklichen Handbewegung legte ich acht Mark in ihre Geldschale. Sie sah mich empört an, als sei es verwerflich oder wenigstens doch unverständlich der alten Frau Jensen Pralinen zu schenken.

So wenig wie mir ihr Mitleid und übertriebene Freundlichkeit Informationen entlockt hatten, so wenig erreichte sie auch mit ihrer Schroffheit.

Ich nahm die Pralinenschachtel, wandte mich um, ging zur Tür, hob noch einmal kurz die Hand, murmelte: „Tschüss dann“ und verließ das Geschäft.

Immer, wenn ich zum Haus von Imke und Viktor gegangen war, war ich auch am Hof der Jensens vorbeigekommen. Der Hof lag am Rande von Jensum allerdings nicht so weit außerhalb wie das große Haus von Viktor und Imke.

Es war ein gutes Stück Weg, das ich gehen musste. Die Morgenluft war frisch, es war recht ruhig, und ich begegnete Gott sei Dank niemandem. So bekam ich den Kopf ganz gut frei.

Ein großer Hund kündigte mein Kommen an. Als ich vor dem Hohen Tor stand, kam die kleine Frau Jensen gerade über den Hof, um mir zu öffnen.

Als sie mich erblickte, hellte sich ihr Gesicht auf. Wir begrüßten uns kurz und gingen ins Haus.

Die alte Frau bot mir einen Kaffee an, den ich dankbar annahm. Ich legte die Pralinen auf den Tisch.

„Dat weer nich nötig wesen“, sagte Frau Jensen lächelte aber. „Dat is nödig, wiel dat wat good is“, erwiderte ich.

Wir setzten uns an den Küchentisch zwei große Tassen mit dampfendem Kaffee vor uns. Es war fast gemütlich. doch das Unheil, das gestern Abend nicht weit von hier entfernt geschehen war und Gesken ergriffen hat, die nicht weit von dieser Küche entfernt war, war fast greifbar bei uns am Tisch. Wir konnten uns nicht entspannen und waren von einer inneren Unruhe ergriffen.

Schließlich begann Frau Jensen zu sprechen. Sie erzählte mir, wie sie gestern, als es schon dunkel gewesen war, von ihrem Hund allarmiert nach draußen gegangen war und Gesken vollkommen erschöpft vor dem Hoftor gefunden hatte.

Sie hatte ihren Mann losgeschickt nach Geskens Eltern zu sehen und der hatte Imke in ihrer Küche liegend tot aufgefunden. Er war zur nächsten Telefonzelle gegangen und hatte die Polizei gerufen.

Frau Jensen hatte Gesken ins Haus getragen, sie behutsam ausgezogen und in eine Decke gepackt auf das Sofa in der guten Stube gelegt. Sie hatte dem Kind schließlich noch einen heißen Kakao eingeflößt.

„Se slöövt. Se is bannig unverwunnt. Dat is aver so, as wenn de Dood se anfaten hätt“, sagte die alte Frau.

Dann erzählte sie mir, dass später die Polizei auch zu ihnen ins Haus gekommen war. Eben war noch einmal die Polizei gekommen und hatte den Besuch einer Dame vom Amt angekündigt. Die würde Gesken mitnehmen oder wenigstens für die ersten Tage klären, wo das Kind bleiben könnte.

Es war also vollkommen richtig gewesen hierher zu kommen.

Die Frau Jensen und ich kamen überein, Gesken vorsichtig zu wecken,, bevor die Amtsperson allein oder mit wem auch immer kommen würde, ins Haus kam.

Nachdem wir unseren Kaffee getrunken hatten, standen wir auch und betraten das Wohnzimmer. Wir blieben eine Armeslänge vom Sofa entfernt stehen und sahen Gesken ruhig an.

Sie hatte sich zusammengerollt und lag merkwürdig ruhig da. Und wie ich sie so daliegen sah, begriff ich, was die alte Frau eben in der Küche gemeint hatte, als sie sagte: „Se slöövt. Aber dat is, as wenn de dood se anfaten hätt.“

Die Ruhe, in der Gesken lag, glich einer Erstarrung, die etwas Totes an sich hatte aber nicht ganz genau wie die Ruhe war, in der Leichen daliegen.

Ich war froh zu sehen, dass Gesken noch atmete und unter unseren Blicken langsam aufwachte. – Aufwachte? – Es war eher als ob sie aus einem kalten stillen Wasser auftauchen müsste. Als sie sich streckte kam es mir so vor als ob sie sich von einem glitschigen Grund abstieß.

Sie schüttelte sich schließlich oder schüttelte es sie? Dann setzte sie sich auf und sah sich ängstlich um.

Die alte Frau Jensen und ich wandten unsere Blicke nicht von ihr ab. Schließlich fand ihr Blick den meinen und erkennen spiegelte sich in ihren Augen.

Ich ging auf sie zu und nahm sie in den Arm.
„Moin, Gesken“, sagte ich und lächelte sie an. Nur ein kurzes Nicken war ihre Antwort.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, bis zur gleichen Zeit in Gesken und mich Bewegung kam. Sie stellte ihre Füße auf den Boden. Und ich löste meine Umarmung.

Wir gingen zusammen ins Bad. Gesken wusch sich selbst. Und sie zog sich auch selbst ihre Kleider an, die Frau Jensen für sie auf einem Hocker bereitgelegt hatte.

Als ich das sah, musste ich an das Gespräch denken, dass ich mit Meta bei ihrem Auszug aus dem Haus meiner Schwester geführt hatte. Damals hatte Meta gesagt: „Gesken is al bannig sülvstännig. Dat mutt ok so wesen. Denn nüms kümmert sik üm ehr.“

Wir gingen in die Küche, wo Frau Jensen bereits wieder am Tisch saß. Artig setzte sich Gesken in die Ecke der Eckbank, wagte aber nicht, sich umzusehen. Sie machte sich so klein als möglich.

„Kiek Di bloot üm“, sagte Frau Jensen freundlich und fügte dann noch hinzu: „Wat wullst du denn eten? – Du magst doch en Broot mit Schien?“

Frau Jensen stand auf, nahm das Brot aus dem Kasten, schnitt eine Scheibe ab, holte die Butterdose, bestrich das Brot mit guter Butter und belegte es mit einer dicken Scheibe Schinken.

Gesken hatte nichts gesagt beobachtete die alte Frau aber aufmerksam. Dass Frau Jensen Gesken häufiger Obst oder Schinkenbrote geschenkt hatte, wusste ich, weil mir Frau Jensen das selbst erzählt hatte, als ich ihr einmal im Geschäft der neugierigen Frau am Dorfplatz begegnet war.

Die alte Frau brachte das Brot auf einem Holzbrett an den Tisch und legte es vor Gesken hin. Dann rührte sie noch einen Kakao für das Mädchen an, den sie in einer großen Tasse ebenfalls vor es hinstellte.

Gesken zögerte. Gehetzt sah sie sich um, bevor sie zu essen und zu trinken begann. Ich fragte mich, was sie bei Imke und Viktor zu essen und zu trinken bekommen hatte. Viel konnte es nicht gewesen sein. Denn sie ist spindeldürr.

Gesken hatte gerade zu ende gefrühstückt und Frau Jensen war dabei, in der Küche klar Schiff zu machen, als der Hund anschlug und einen Augenblick später ein Auto zu hhören war.

Wenig später hielt das Auto vor dem Hoftor und zweimal klappten Autotüren.

Frau Jensen ging, um die Leute einzulassen. Warum kamen die zu zweit? Wer war die zweite Person?

Ich setzte mich neben Gesken und sah sie beruhigend an.

Als Frau Jensen einen Augenblick später mit zwei Frauen die Küche betrat, traf mich fast der Schlag. Die eine kannte ich. Ich hatte sie bei der Hochzeit von Imke und Viktor und bei Geskens Taufe gesehen. Da stand neben einer jungen Frau vom Amt die Schwiegermutter meiner Halbschwester mit ihrem spitzen Mäusegesicht und funkelte mich aus graugrünen Augen an.

Frau Eisenbeiß senior ist eine Frau mit einem massigen Körper, auf dessen kurzem Hals ein kleiner Kopf sitzt, der nicht nur zu klein für den Körper wirkt, dessen Gesicht für diese Frau zu klein und zu spitz wirkt.

Sie war wie bei den beiden Familienfesten, bei denen ich ihr begegnet war auffällig geschminkt und mit teurem Schmuck behängt.

Die Frau vom Amt war eine kleine dralle Blondine. Ich schätzte sie höchstens auf Anfang 20. Auch sie war sehr gut gekleidet und aufwendig geschminkt. So kam ich mir mit meinem einfachen blauen Sommerkleid ärmlich vor.

Frau Jensen bot beiden Frauen einen Platz an. Beide setzten sich auch und begannen erst dann ihre Umgebung aufmerksam zu betrachten. Bei Frau Eisenbeiß senior gesellte sich bald zu der Aufmerksamkeit Geringschätzung in den Gesichtsausdruck.

Bei ihrem Eintreten in die Küche hatten beide Frauen Gesken und mir nur kurz zugenickt. Schließlich meinte die Dame vom Amt: „Ich bin übrigens Frau Söderhoff.“

Ich fragte mich, ob sie mit unserem Arzt aus Hinrichskoog verwandt sein könnte. Aber ich konnte keine Familienähnlichkeit erkennen.

Schließlich sah Frau Söderhoff Gesken sehr aufmerksam und übertrieben freundlich an.

„Und du bist Gesken?“ Gesken nickte und versuchte dem Blick der Frau auszuweichen.

Ich nahm an, dass sie noch nicht lange für das Amt arbeitete und ihr auch noch nie ein Kind begegnet war, dessen Mutter kurz zuvor von seinem Vater ermordet worden war.

Was war zu tunb? Ich beschloss, nicht darauf zu warten, dass Frau Eisenbeiß senior und Frau Söderhoff etwas tun oder sagen würden. Ich ergriff die Initiative, ging freundlich aber bestimmt zum Kampf über.

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Von Paula Grimm

Als Autorin und Bloggerin heiße ich Paula Grimm. Mein offizieller Name tut hier nichts zur Sache. Ich bin Baujahr 1965 und wohne im Kreis Kleve am linken Niederrhein. Der Spitzname für dieses Blogprojekt lautet Rike1903 und ist der mütterlichen Freundin von Gesken Paulsen, Rike Schmolke, gewidmet.

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