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04. Im Bus – Wie eine Glückskatze – NaNoWriMo 2021

IM BUS

Der Hein und ich versorgten die Tiere. Dann machte ich Frühstück, trank eine Tasse Kaffee und aß ein Schwarzbrot mit Honig und Hein frühstückte mit mir zusammen. Thorsten und Malte haben gerade Ferien vom Kindergarten und von der Schule und müssen deshalb nicht früh aufstehen.

Ich fragte Hein, ob ich nach Jensum fahren könnte, um zu sehen, was mit Gesken ist, und um sie vielleicht schon abzuholen. Hein meinte nur: „De ole Brockmann warrt mi seker geern helpen.“

Also machte ich mich auf den Weg, um den Sieben-Uhr-Bus nach Jensum zu nehmen.

Als ich an der Bushaltestelle stand, kam plötzlich die gesamte Prominenz, um einen Ausflug zu machen. Prominenz nennen wir hier in Hinrichskoog drei Frauen mittleren Alters, die sich für etwas ganz Besonderes halten, mit denen man gefälligst hochdeutsch spricht, weil sie zumindest in ihren jungen Jahren über Hinrichskoog hinaus gekommen sind. Frau Apotheker Wellmann, Frau Dr. Söderhoff und Frau Bürgermeister Speelmakers.

Obwohl sie in direkter Nachbarschaft zueinander wohnen und öffentlich immer gemeinsam erscheinen, kann wohl niemand so genau sagen, ob sie wirklich gute Freundinnen sind. Jedenfalls kamen sie gerade noch pünktlich. Der Bus bog um die Ecke, als sie an der Bushaltestelle ankamen.

Der Bus war voll. Also musste ich mir mit der Prominenz einen Vierersitz teilen.

„Guten Morgen, zusammen“, sagte ich so höflich als möglich, als ich mich zu ihnen setzte. Es war mir sehr unangenehm in ihrer Nähe zu sein, denn ihre Duftwolke benebelte mich. Und sie starrten mich an.

„Was machst du dich denn so früh auf den Weg. Bist wohl unterwegs nach Jensum?“, meinte die Frau Bürgermeister.

Ich nickte nur, leicht benommen von ihrer Duftwolke. Ich hatte bisher nicht daran gedacht, dass sie zumindest schon einen Teil dessen erfahren hatten, was in meiner Familie gestern Abend vorgefallen war. Woher sie das auch immer wissen mochte. Sicher hatten sie sich auch schon auf dem Weg über den Vorfall unterhalten. Es ist klar, dass gerade die Prominenz uns in der nächsten Zeit Ärger machen wird. Die drei mischen in Hinrichskoog überall eifrig mit.

Weil die Frau Bürgermeister sehr laut gesprochen hatte, waren die Leute im Bus aufmerksam geworden. Die Prominenz braucht eben auch immer ihr Publikum. Also musste jetzt ein Wortgefecht sein.

„Was meinst Du, Emma, was Du jetzt in Jensum machen kannst?“, fragte die Frau Apotheker und fügte spitz hinzu: „Die besten Stücke aus der Bude räumen oder was?“

Ich tat als hätte ich die letzte Unverschämtheit gar nicht gehört Und antwortete:
„Was soll ich jetzt in Jensum schon machen können? – Vor allem will ich nach dem Kind sehen.“

„Emma Paulsen, du denkst doch nicht etwa darüber nach, dieses Mörderkind zu dir zu nehmen und damit nach Hinrichskoog zu bringen?“, fragte die Frau Dr. übertrieben entsetzt.

„Genau dat. Ähm, genau das habe ich vor, Gesken in meiner Familie aufzunehmen, wenn es irgend möglich ist.“ „So ein Mörderkind?“, fragte Frau Apotheker im selben Ton wie die Frau Dr.

Jetzt war es höchste Zeit meinerseits eine Spitze zu setzen.
„Was heißt denn Mörderkind? Denkt gefälligst daran, dass Gesken das Kind eines Mörders aber auch das Kind einer Ermordeten ist.“ Ich machte eine Pause und sah wie die Prominenz, die auch durch vornehme Blässe glänzt, noch bleicher wurde, und zwar quer durch die Bank.

Plötzlich schoss mir eine Frage durch den Kopf, und ich schaffte es nicht, sie für mich zu behalten.

„Kann mir irgendjemand sagen, was schlimmer ist, das Kind eines Mörders oder das Kind einer Ermordeten zu sein?“

„Das ist eine Multiplikationsaufgabe fürs Leben“, hörte ich eine tiefe, leicht raue Frauenstimme rechts von mir sagen. Ich sah nach rechts und blickte in das ruhige alte Gesicht von Wencke Holthuus. Sie saß in ihrem Sitz und strickte.

Niemand weiß, woher die Wencke kam. Sie ist so alt wie dieses Jahrhundert und wurde mutterseelenallein im Alter von zwei Jahren in einem Strandkorb gefunden. Die Mutter meiner Lehrherrin, die Schneiderin Wibke Holthuus nahm sich ihrer an.

Wie die Prominenz ist auch Wencke über zumindest für eine gewisse Zeit über Hinrichskoog hinaus gekommen, und zwar zum Lehrerseminar. Inzwischen ist sie im Ruhestand und lebt auf ihrem Hausboot, der Seeadler.

Wencke sah die Prominenz und mich nacheinander an. Dann wiederholte sie, was sie gesagt hatte:
„Das ist eine Multiplikationsaufgabe fürs Leben.“ Dann machte sie eine Pause und fügte hinzu: „Die Aufgabe lautet entweder Mörderkind sein mal Kind einer Ermordeten sein oder Kind einer Ermordeten sein mal Kind eines Mörders sein.“

„Das Ergebnis kommt doch immer auf das Selbe ‚raus“, beeilte sich Frau Apotheker zu sagen.

Als Antwort auf diese Behauptung tat die ehemalige Lehrerin etwas, was sie in ihrer Arbeitszeit wohl nie nötig gehabt hatte, weil sie über natürliche Autorität verfügte. Sie tat schulmeisterlich. Sie nahm ihr Strickzeug in die linke Hand, erhob den rechten Zeigefinger in Frau Apothekers Richtung und erwiderte übertrieben geduldig als ob sie eine unverständige Schülerin vor sich hätte: „Bedenke, dass es sich um eine Aufgabe fürs Leben handelt. Da verändert sich immer etwas. Was es gerade bedeutet, ein Mörderkind zu sein verändert sich. Es verändert sich auch, was es heißt, das Kind einer Ermordeten zu sein. Und es ist nicht gleichgültig, von welchem der beiden Punkte aus, diese Lebensaufgabe gerade angegangen werden muss.“

ich bin mir sicher, dass ich verstanden habe, was Wencke damit sagte. Aber es dauerte seine Zeit, bis ich es begriff und der alten Dame zunicken konnte.

Für die Prominenz war das, was Wencke sagte, zu hoch. Die Frau Bürgermeister lenkte die Unterhaltung in scheinbar seichtere Gewässer.
„Erstochen hat er sie. Das hat mein Friedrich beim Telefonieren erfahren können. Er hat sich nämlich gleich an die strippe gehängt, als er die grüne Minna von unserem Küchenfenster aus gesehen hat. Als Bürgermeister muss er schließlich wissen, was im Dorf vor sich geht. Mit unzähligen Messerstichen hat der Viktor Eisenbeiß seine Frau niedergestreckt.“

„Kann man das verstehen?“, fragte die Frau Dr. und fügte hinzu: „Dabei war er doch so ein netter und erfolgreicher junger Mann. Das haben wir doch bei der Hochzeit gesehen. Was einen Mann wie ihn zu so was treibt?“

„Eifersucht vielleicht?“, fragte die Frau Apotheker und sah mich scharf an. Ich beschloss, nichts zu der Eigen- und der Geltungssucht der beiden Eheleute zu sagen. Die Prominenz würde mich zurechtweisen, dass man über die Toten und alles, was mit ihnen zu tun hat, nicht schlecht spricht. So hätten sie sich mir gegenüber verhalten und sei es auch nur, um das Gespräch in Gang zu halten und am besten auch einen Streit vom Zaun zu brechen.

Für weiteres Gerede fehlte mir ohnehin die Zeit. Denn der Bus fuhr gerade auf den Marktplatz von jensum, wo ich aussteigen musste.

Ich stand auf und sagte: „Bis spätestens Sonntag beim Gottesdienst.“ Auf dem Weg zur Hintertür drehte ich mich noch einmal um und sah wie die drei Damen der Prominenz zueinander hin beugten, um ab jetzt nur noch miteinander zu sprechen.

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Von Paula Grimm

Als Autorin und Bloggerin heiße ich Paula Grimm. Mein offizieller Name tut hier nichts zur Sache. Ich bin Baujahr 1965 und wohne im Kreis Kleve am linken Niederrhein. Der Spitzname für dieses Blogprojekt lautet Rike1903 und ist der mütterlichen Freundin von Gesken Paulsen, Rike Schmolke, gewidmet.

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