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Geskens Geschichte(n) NaNo

03. Wie eine Glückskatze – Fortsetzung von eine schlaflose Nacht

Der Tee in der großen Kanne und ein langsames Gespräch, das ungefähr eine Stunde dauerte, reichten, um uns ganz und gar darauf zu verständigen, dass wir nach Möglichkeit Gesken in unsere Familie aufnehmen wollten. Wir mussten uns eingestehen, dass für Gesken nur das Leben in einem Kinderheim oder das Leben auf unserem Hof in Frage kamen.
Ilse, die ihrer Zwillingsschwester Imke natürlich sehr nahe gestanden hatte, hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie Gesken nicht mochte. Dabei kannte sie das Kind kaum Aber ihr und unserer Mutter reicht es schon, dass Gesken unserer Großmutter ähnlich sieht genau wie ich.

Mutter will Gesken sicherlich nicht im Haus haben. Das wird dem Kind und mir sicherlich schwer zu schaffen machen. Warum habe ich mich auch darauf eingelassen, Mutter aufzunehmen, nachdem sich ihr zweiter Mann, Dr. Florian Beckmann tot gefahren hat? Warum habe ich nachgegeben, als sie jammerte, sie könne nicht allein leben? Warum habe ich nicht darauf bestanden, dass sie nicht hier bei uns bleiben kann, sondern zu einem ihrer drei Lieblingskinder ziehen soll? Aber, wie dem auch sei. Jetzt lebt sie hier bei uns. Und sie wird sich nicht mehr vertreiben lassen.

„Gesken is en schrecklich Verwunnern wederföhren. Dit Verwunnern kennt wi noch nich. Köönt wi ehr wirklich helpen? Wi sünd doch bloot ganz lichte Lüüd.“

Er hatte natürlich recht. Wir sind bloß ganz einfache Leute, Gesken ist ein schreckliches Unheil widerfahren, ein Unheil, das wir noch nicht kennen.

Aber es stimmt auch, dass sich niemand außer uns ihrer annehmen wollen wird.
Darum antwortete ich meinem Hein: „Buten uns schall ji nüms helpen wüllen. Un elk Verwunnern is anners als all ännern un dat is anners as wi dat faken kennt.“

Nachdem ich das gesagt hatte, entstand eine Pause, in der wir uns tief in die Augen blickten. Endlich nickte Hein mir zu.

„Du schasst dat richtig maken“, sagte er, stand auf und legte mir einen Arm um die Schulter. Ich stand auch auf, sah ihm fest in die Augen und meinte:
„Nee, Hein, wi schöölt dat richtig doon.“

Mein Blick hielt seinen noch immer fest. Ich sah wie seine Zweifel ganz langsam von meiner und auch ein Stück weit schon von seiner Überzeugungskraft zersetzt wurden. Es war klar. In der nächsten Zeit würden neue Zweifel an ihre Stelle rücken und wie die Ersten zersetzt werden müssen. Ich werde Geduld brauchen.

Hein sagte nichts mehr. Schließlich wendete er sich von mir ab, ging aus der Küche und zu Bett. Wir hatten wie immer einen langen Tag gehabt.

Ich setzte mich wieder an meinen Platz. Aber allein herumsitzen ist nicht meine Art und ist, außer wenn man krank ist, bei nichts.

Also stand ich nach einigen Minuten auf, holte eine Gästedecke aus dem Schrank im Flur, ging in die gute Stube, zog mich aus und streckte mich gut zugedeckt auf dem Sofa aus.

Mir war klar, dass ich nicht würde schlafen können, obwohl es ein langer Tag gewesen war. Gut zugedeckt zu liegen tat mir aber gut. Einige Arbeiten, gehen und liegen helfen fast immer, wenn etwas in mir arbeitet, wenn ich an mir selbst arbeiten muss. Dabei ist es gleichgültig, ob ich eine schwierige Aufgabe oder einen Kummer habe.

Als ich so dalag, wurden natürlich viele Bilder und Gedanken in Gang gesetzt. Manches kommt nur durch Ruhe in Gang. Und es ist wichtig aber unangenehm, diese Bewegungen zuzulassen.

Plötzlich sah ich dann doch, wie Imke in ihrem Blut in ihrer Küche lag. Es kam mir vor, als ob ich neben Gesken auf ihrem Bett saß und zusah. Viktor war rasend. Mir wurde klar, dass er in Raserei auf Imke eingestochen haben musste. Es war schrecklich anzusehen, was er tat, obwohl es längst vorbei war und nur noch in meiner Vorstellung passierte.

Es war merkwürdig, dass ich wusste, dass es genauso gewesen war, wie ich es jetzt, Stunden später, sah. Etwas in diesem Geschehen, hatte etwas nahezu Selbstverständliches an sich. Ich bin versucht, zu sagen, dass es hatte so kommen müssen. Es geschieht meistens das, was Menschen nicht erwarten. Es geschieht, einfach weil es geschehen kann. Zwischen eigen- und geltungssüchtigen Menschen wie Imke und Viktor kann es auch zu so etwas kommen, weil zwischen ihnen immer Spannung herrscht und Unruhe, die von einer Sekunde zur anderen zur Raserei werden kann.

Menschen wie Viktor und Imke können nicht miteinander und auch nicht ohne einander sein. Sie hatte ihn wohl verlassen wollen.

Was aber war mit Gesken? Das Kind hat lernen müssen, so unauffällig als möglich zu sein, um so wenig als es eben geht, von der Eigensucht ihrer Eltern ergriffen zu werden, um nicht in ihren Machtkampf zu geraten.

Und am vergangenen Abend hatte sie sich ganz still gemacht, erfolgreich tot gestellt. Damit war sie, wie soll ich es nennen, unter dem Radar der Wahrnehmungen ihres Vaters geblieben. In seiner starken Überreiztheit und seinem Aktionsfieber war es ihm unmöglich gewesen, außer sich und der Quelle seines Aktiionszwangs und seiner Überreiztheit überhaupt noch etwas anderes wahrzunehmen. Das hatte Gesken gerettet.

Andere Bilder kamen mir dann schließlich auch noch in den Sinn. Seit Meta, die eine Großtante von Viktor ist, nicht mehr bei Imke und Viktor im Haus lebt und arbeitet, sondern bei ihrer Tochter versorgt wird, fuhr ich alle 14 Tage mit dem Bus nach Jensum und machte im Haus klar Schiff. Nur zweimal hatte ich Gesken gesehen, wie sie aus dem Haus gegangen war. Imke schickte sie häufig weg. So machte es unsere Mutter früher auch mit mir, nachdem sie mit dem Dr. Beckmann verheiratet gewesen war und Kinder von ihm bekommen hatte.

In der vergangenen Nacht sah ich Gesken, wie sie draußen am Haus ihrer Eltern stand und mich unaufdringlich aber genau beobachtete. Dann lief sie plötzlich davon. Sie vermutete wohl, dass ihre Mutter kommen würde, um sie zumindest bis zum Abend vom Hof zu jagen.

Bei meinem letzten Besuch hatte ich Gesken ins Haus gelockt. Sie zögerte mein Angebot, eine heiße Schokolade, anzunehmen.

Als Imke mich und ihr Kind in der Küche sah, wurde sie wütend sagte aber nichts. Ich war eben doch ihre große Schwester.

Als Gesken schließlich ging, weil ihre Tasse leer war und sie den Blick ihrer Mutter nicht mehr aushielt, konnte ich es einfach nicht lassen, ein paar klare Worte an Imke zu richten.

„Du musst Dich ordentlich um Gesken kümmern. Man sieht, dass Du das nicht tust. Sie ist nicht gut genug gekleidet und bekommt wohl auch nicht regelmäßig zu essen.“

Als ich sie beim letzten Besuch so angesprochen hatte, sagte ich es nicht. Aber auf der Rückfahrt überlegte ich mir schon, was ich denn tun könnte, um dem Kind wirklich zu helfen. Und ich war versucht meine eigene Halbschwester anzuzeigen. In der vergangenen Nacht war ich hin- und hergerissen, was mein Zögern betraf. Wenn ich sofort etwas getan hätte, wäre Gesken das, was ihr am vergangenen Abend widerfahren war, vielleicht erspart geblieben. Aber nur, wenn die Behörden schnell genug ihre Arbeit getan hätten. Wäre sie dann in ein Heim gekommen? Oder hätte ich die Möglichkeit gehabt, sie doch zu mir zu nehmen?

Kurz bevor der Hahn krähte, kam ich mit mir überein, dass wenn und aber niemanden, auch mir nicht helfen. Also stand ich auf, wusch mich gründlich, was mich gut erfrischte und begann mit meiner alltäglichen Arbeit.

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Von Paula Grimm

Als Autorin und Bloggerin heiße ich Paula Grimm. Mein offizieller Name tut hier nichts zur Sache. Ich bin Baujahr 1965 und wohne im Kreis Kleve am linken Niederrhein. Der Spitzname für dieses Blogprojekt lautet Rike1903 und ist der mütterlichen Freundin von Gesken Paulsen, Rike Schmolke, gewidmet.

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