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Geskens Geschichte(n) NaNo

01. Wie eine Glückskatze – Vorwort

Diesem Tag habe ich entgegengefiebert. Jetzt geht’s los mit der Rohfassung meines Buches für den NaNoWriMo 2021. ich wünsche Euch gute Unterhaltung, obwohl manches sicherlich noch holprig ist.

Liebe Grüße

Paula Grimm
VORWORT
„Wenn ik groot bün, fang ik Möörder.“ Auch an diesem Morgen fragte sich Emma Paulsen nicht, wie oft ihr dieser Satz schon in den Sinn gekommen war. Das, was Gesken bei der Beerdigung ihrer Mutter Imke Eisenbeiß gesagt hatte, wurde davon, dass sich Emma an diesen Satz unzählige Male erinnert hatte, nicht durch die Zeit oder das Erinnern verbraucht.

„Wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, klang in Emma immer noch ruhig, deutlich und ganz schlicht. Es war von Anfang an kein Versprechen, keine Drohung und kein Wunsch gewesen. Es war eine bloße Feststellung und blieb es auch über die 20 Jahre hinweg, die inzwischen vergangen waren.

Heute war der 07. Juli 1969. Emma war auf dem Weg zu dem kleinen Hafen von Hinrichskog, in dem die Seeadler vor Anker lag. Auf der Seeadler war Emma mit ihren Freundinnen Wencke Holthuus und Rike Schmolcke verabredete. Das Schiff war seit über 30 Jahren das Zuhause von Wencke, die sich selbst versprochen hatte, mindestens bis zu ihrem 90. Geburtstag auf der Seeadler zu bleiben.

Ihre Chancen sich diesen Wunsch zu erfüllen, standen gut. Denn im nächsten Frühjahr, am 06. Mai 1990 würde sie diesen Runden Geburtstag feiern. Und sie erfreute sich guter Gesundheit. Emma dachte oft an Wenckes Wunsch und hoffte, dass ihrer langjährigen Vertrauten vielleicht noch ein paar Jährchen mehr in ihrem Zuhause vergönnt sein würden.

„Wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, war nicht nur für Gesken, die damals, als sie diese Feststellung getroffen hatte, erst ungefähr dreieinhalb Jahre alt gewesen war, ein guter Satz. Auch für Emma, Geskens Tante, die das Mädchen nach der Ermordung der Mutter am 07. Juli 1969 aufgenommen hatte, war dieser Satz schon etwas wie ein Segen geworden. Er veränderte sich nicht nur nicht. Er fügte sich immer, wenn er Emma ins Gedächtnis kam, in die Situation ein, in der sie sich befand. Und das war auch immer in Situationen so, die im Grunde nichts mit diesem Satz zu tun haben konnten. Ob das wohl darauf zurückzuführen war, dass es sich um eine bloße Feststellung handelte?

Als Emma am Morgen des 07. Juli 1989 den Strand von Hinrichskoog entlang ging, hörte sie den Satz, „Wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, der sich geradezu an das Rauschen des Meeres, das Knirschen des Sandes unter Emmas Schritten und die leichte Brise anschmiegte. Und Emma fühlte sich leicht und frei, obwohl sich ihre Freundinnen und sie für den heutigen Tag und die kommende Nacht viel vorgenommen hatten. Und es war klar. Es sollte gerade auch um die Dinge gehen, die in den letzten zwei Jahrzehnten nicht leicht und angenehm gewesen waren. So hatte Emma in ihrem Rucksack nicht nur die Zutaten für Speckpfannekuchen und Friesengeist, sondern auch ihr Tagebuch aus dem Jahr 1969.

Als Emma das Deck er Seeadler betrat, stand die Luke offen und Kaffeeduft kam ihr entgegen. Sie stieg nach unten in das Schiff, wo Wencke und Rike bereits am gedeckten Frühstückstisch saßen und ohne Ungeduld auf sie warteten.

2Moin“, sagte Emma mit ihrer tiefen, leicht rauen Stimme. Sie stellte ihren Rucksack ab und räumte die mitgebrachten Lebensmittel in den Kühlschrank. Die Speckpfannekuchen sollte es zum Mittagessen geben und den Friesengeist wollten die Frauen am Abend zubereiten.

Emma setzte sich auf ihren angestammten Platz an Wenckes Tisch und groß sich Kaffee ein. Wencke stand auf, holte eine Sektflasche, ließ den Koren ordentlich knallen, bevor sie das Getränk ausschenkte.

Die Frauen erhoben die Gläser und sahen sich an.
„Uff wat stoßen wer jetze an?“, fragte Rike.
„Auf den Satz, wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, schlug Wencke vor und lächelte dabei.

Emma fragte sich, ob jemand jemals auf eine bloße Feststellung angestoßen hatte, die bereits vor zwei Jahrzehnten getroffen worden war. Aber irgendwie passte das hier und jetzt. Also nickte sie ihren beiden Freundinnen zustimmend zu.

„Auf, wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, sagte die Hausherrin und die Gläser klirrten.

Nachdem jede von ihnen vom Sekt zumindest einen Schluck getrunken hatte, begann das gemütliche Frühstück, mit starkem Kaffee, dunklem Brot, reichlich Wurst, Käse und Honig von Emmas Bienen.

„Hast Du auch Dein Tagebuch dabei?“, fragte Rike Emma. Die bückte sich und nahm ihre Kladde aus ihrem Rucksack.

Es war klar, dass Emma anfangen musste. Mit dem Tod ihrer Halbschwester hatte alles, worum es heute gehen sollte, begonnen. Heute sollte es den ganzen Tag um Gesken gehen, um ihre Kindheit. Die Frauen wollten wissen, ob sich an Gesken, die schließlich auch Emmas Adoptivtochter geworden war, die afrikanische Weisheit bewahrheitet hatte, die da lautete: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“

In gewisser Weise war die Sache Klar. Denn Gesken hatte vor wenigen Tagen die Zulassung als Anwärterin für die Kriminalpolizei erhalten, nachdem sie eine gewisse Zeit als medizinisch technische Laborassistentin für die Kriminalpolizei gearbeitet hatte. „Wenn ik groot bün, fang ik Möörder“, war sie also einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

Doch den drei Frauen, die alle ein besonderes Verhältnis und eine besondere Geschichte mit Gesken hatten, waren sich bewusst, wie hart der Weg bis zu diesem wichtigen Schritt gewesen war. Emma, Rike und Wencke standen lange schon mitten im Leben und wussten, dass sich hinter vielen scheinbar offensichtlichen Dingen Abgründe auftaten.

jede der drei Frauen wusste um das Verhältnis und die Geschichte der beiden anderen mit Gesken. Aber heute wollten sie sich der Details annehmen. Sie wollten sich auch einmal einen Tag lang ausschließlich mit Geskens Belangen vor allem mit ihrer Kindheit befassen.

Während des Frühstücks sprachen sie wenig. Sie redeten ein Bisschen über Emmas Enkeltöchter, die vor zwei Wochen geboren worden waren und von Rikes Halbschwester Hedwig, deren Mann vor einem halben Jahr verstorben war, die jetzt im Alter von 76 Jahren wieder aktiv auf Männerjagd ging.

Sie waren ungefähr schon eine Stunde beisammen, als sie zu ende gefrühstückt hatten und die Lebensmittel in den Kühlschrank und das Geschirr in das Spülbecken räumten. Dann goss Wencke noch einmal die großen Kaffeetassen voll und Emma nahm ihr Tagebuch zur Hand.

In den vergangenen Tagen hatte sie es mehrfach aus der Schublade geholt, darin gelesen und einige Überschriften eingefügt, die ihr sinnvoll erschienen waren. Brauchte es die Titel überhaupt? Waren die Titel wirklich nötig? Hätten die vorhandenen Datumsangaben nicht genügt?

Rike und Wencke würden es ihr schon sagen, wenn da zu viel oder zu wenig in ihrer Lesung enthalten sein würde, wenn ihr Vortrag nicht angemessen sein sollte.
Als Emma das Buch aufschlug, beugte sich Rike zu ihr herüber und betrachtete das Geschriebene. Obwohl sie einander seit Juli 1973 kannten, hatte die 86jährige Emmas Handschrift noch nie gesehen.
„Eine kleine ordentliche Handschrift aber ooch wirklich hübsch“, meinte sie und lehnte sich bequem in ihrem Stuhl zurück, um dem Vortrag ihrer Freundin aufmerksam zu lauschen.

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Von Paula Grimm

Als Autorin und Bloggerin heiße ich Paula Grimm. Mein offizieller Name tut hier nichts zur Sache. Ich bin Baujahr 1965 und wohne im Kreis Kleve am linken Niederrhein. Der Spitzname für dieses Blogprojekt lautet Rike1903 und ist der mütterlichen Freundin von Gesken Paulsen, Rike Schmolke, gewidmet.

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